Matthies meint : Die Zukunft: Ein Glassarg mit Ratten

Prognosen sind schwer, Zukunftsprognosen noch schwerer. Als wir uns vor 50 Jahren die Zukunft in 50 Jahren ausmalten, sah alles noch ganz gut aus: Kleine, fleißig wuselnde Blechroboter mit Rädern würden uns jeden Wunsch von den Augen ablesen, Autos auf acht Ebenen automatisch durch die Stadt kreisen und Sonntagsmenüs, pling, heiß aus dem Dampfkochautomaten auf den Teller fallen. Und der Strom käme à la minute aus dem Mini-Atomkraftwerk, das traulich neben dem Müllschlucker vor sich hin brinzelt.

Das hat nun bekanntlich alles nicht hingehauen, das Sonntagsmenü mal ausgenommen. Irgendwann müssen die Prognostiker dann die Lust verloren haben: Wenn wir sowieso schon immer danebenhauen, beschlossen sie, dann ist eh alles wurscht, dann machen wir den Leuten wenigstens ordentlich Angst. Die Welle der angekündigten Weltuntergänge begann – und ist nun praktisch Allgemeingut.

Die Zukunft, so viel ist klar, wird wie ein Film aussehen, in dem Will Smith als letzter Mensch nach Kojoten jagt, die sich hinter brennenden Müllcontainern verstecken. Neulich hat uns das ZDF seine Vision für Deutschland 2030 erläutert, die grob gesagt auf eine Art DDR ohne Krankenversicherung hinausläuft. Am Dienstag folgt bei Sat1 der Reaktorunfall, wie er sich zwingend aus den aktuellen Parteiprogrammen von CDU und FDP ergibt: Namenloses Grauen, verkörpert von Ulrike Folkerts, die ja immer schon den Eindruck einer atomaren Katastrophe erweckt, wenn nur in der Ludwigshafener Mordkommission der Kaffee umkippt.

Daraus folgt: Wenn die Menschheit noch eine Überlebenschance hat, dann nur im Dschungel, jenseits aller Zivilisation im gnadenlosen Kampf Mann gegen Frau. Dazu zeigt uns RTL seit gestern wieder seine Zukunftsvision „Dschungelcamp“: Komische Typen, vom Zufall in ein Lager geworfen wie einst Sartres Menschen in die Existenz. Zack, da liegen sie und sind den Launen einer höheren Macht unterworfen, die sie zwingt, Heuschrecken abzulutschen oder Mehlwurmcocktail zu trinken.

Schon heute Abend, das wurde vorab mitgeteilt, wird sich ein Auserwählter in dieser Sendung in einen gläsernen Sarg legen müssen, der bereits von lebenden Ratten bewohnt ist. Könnte es ein schöneres Symbol für den Horror geben, den die Zukunft für uns bereithält? Eine Steigerung wäre noch denkbar: Vorher zwei weiche Dioxin-Eier im Glas.

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