Matthies meint : Ein gutes Wort für Markus Lanz

Ohne das Fernsehen wäre das eine wirklich sterbenslangweilige Woche gewesen. Nicht wegen des Programms selbst, das so dahinmäandert ist wie immer um diese Jahreszeit – sondern wegen des Lärms, der neuerdings auch um die größten Nichtigkeiten darin erzeugt wird. Markus Lanz zum Beispiel: Du liebe Güte, der gute Mann moderiert halt weg, was ihm seine Redaktion hinhält, wir erwarten vom Alleinunterhalter auf der Dorfparty ja auch nicht, dass er rockt wie die Stones und Madonna zusammen.

Lanz hat auf seltsame Weise mein Mitgefühl erregt. Da wird ihm nun ständig vorgeworfen, er sei immer so harmlos und desinteressiert und oberflächlich – kein Wunder, dass er bei Ansicht der ersten fleischigen Wade, die in diesem Fall Frau Wagenknecht gehörte, haps, kräftig zubeißt. Endlich mal taff wirken, sich nichts mehr gefallen lassen, das tun, was jede Journalistenschule so folgenlos lehrt!

Auch wieder verkehrt, und mit einer Online-Petition nicht unter 170 000 Stimmen bestraft. Nicht für hundertundeine Harmlosigkeit zuvor, sondern den entschlossenen Versuch, sein Image zu ändern. Der entscheidende Fehler bestand vermutlich darin, dass die durchaus unbeeindruckte Linkspolitikerin das falsche Opfer war. Für den gleichen Umgang mit einem neoliberalen Teufelsbanker hätten Lanz und sein Jörges umstandslos den Grimme-Preis bekommen, na, vielleicht beim nächsten Mal.

Stichwort Grimme-Preis, ja richtig, RTL-Dschungelcamp. Das Spannendste daran: anzusehen, wie eine Sendung extrem überdurchschnittlicher Dussligkeit sich gegen jegliche Kritik immunisiert wie der Pfeilgiftfrosch gegen das Gefressenwerden. Man möchte den Fans seine Fassungslosigkeit entgegenhalten, möchte, schwankend zwischen Schlaf und Zorn, mit Brecht zu dem Schluss kommen, dass das Gerede darüber fast ein Verbrechen sei, weil es doch das Schweigen über so viele noch viel schlimmere Gräuel impliziere …

Und dann fällt einem auf, dass jedes Wort der Spirale einen neuen Schubs gibt, und man möchte eigentlich nur noch geschwiegen haben, aber ist das nicht feige? Manche behaupten ernsthaft, sie fänden die dazwischengeschnittenen Kommentare so superduper, das erinnert mich an meine Jugend, als man den „Playboy“ nur wegen der Reportagen las.

Ja, tschüss, Lanz, tschüss Camp. Ich schreibe erst wieder drüber, wenn Sahra Wagenknecht einzieht. Und das wird hoffentlich dauern.

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