Matthies meint : Erst das Fressen, dann die Moral

Ist diese ARD-Esswoche eigentlich schon vorüber? Wir haben gefühlte tausend Mal hören müssen, dass die Industrie alle Deklarationen viel zu klein auf die Packung druckt und dahinter lauter gemeines Zeug verbirgt, auf das Monika Hohlmeier allergisch reagiert, wir haben bis zum Überdruss lernen müssen, dass „Hefeextrakt“ auch nur ein Wort für Geschmacksverstärker ist und die Deutschen ohne heldenhafte Verbraucherschützer längst alle im Grab lägen – und im „Tatort“ wurde uns ergänzend gezeigt, wie mittelständische Getränkeproduzenten über die Leichen ihrer Kunden gehen, weil jeder Dödel in ihre Rührschüsseln irgendwas reinschmeißen kann. Es reicht eigentlich.

Während aber die ARD das Schlossgespenst des ätzenden Spätkapitalismus durch unsere Därme jagt, findet anderswo die Realität statt, die ganz anders funktioniert. Ein Gericht in Brasilien hat jetzt die Firma McDonald’s dazu verurteilt, einem Mitarbeiter rund 13 000 Euro Entschädigung zu zahlen, weil der in zwölf Jahren in der Filiale in Porto Alegre 30 Kilogramm auf aktuell 105 zugenommen hat. „Moralische Schäden“ stellte der Richter fest, denn der Kläger habe laufend probieren müssen und sei auch in den Pausen mit nichts anderem als Pommes und Burgern versorgt worden. So hart geht die Rechtsprechung mit den Konzernen um!

Gewiss: Schon das Ansehen einer einzigen ARD-Themenwoche hätte genügt, um dem guten Mann klarzumachen, dass Pommes und Burger, in Massen gegessen, automatisch dick machen. Er hätte dann jeden Tag einen Apfel und eine Vollkornbrotstulle mitgebracht und wäre noch heute so rank und schlank wie bei seinem Vorstellungsgespräch – allerdings auch 13 000 Euro ärmer.

Das Phänomen erinnert an den bekannten Film „Supersize Me“, der den völlig überraschenden Beweis antritt, dass man durch dauerndes sinnloses Vollfressen bis zur Kotzgrenze dick und krank wird – und dass die Schuld dennoch immer irgendwie bei jenen liegt, die all diese leckeren Dinge so skrupellos herstellen, dass wir gar nicht anders können, als willenlos zu spachteln.

Es ist übrigens – unser Beitrag zur ARD-Themenwoche – durchaus möglich, durch konsequentes Nichtsessen schwere gesundheitliche Schäden zu erleiden. Allerdings gestaltet sich dann die Suche nach einem verklagbaren Schuldigen sehr viel schwerer. Die Lebensmittelindustrie wird die Verantwortung dafür nicht übernehmen.

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