Matthies meint : Frühstück beim Fähnlein Fieselschweif

Es ist viel gerätselt worden über die Art, in der Angela Merkel ihre jeweilige kleine Bundesregierung seit Jahren führt. Steuerungsinstrumente wie Zügel oder Peitsche sind nicht erkennbar, körperliche Gewalt scheint überhaupt keine Rolle zu spielen, und auch das Mittel der positiven Verstärkung durch Belohnung ist seit Bayreuth und dem viel diskutierten Abendkleid nicht mehr zum Einsatz gekommen. Kurz: Selbst die härtesten und besten Sondereinsatzkolumnisten, die sich ihrem Ziel bewaffnet mit Zitaten von Foucault, Popper und Wittgenstein nähern, prallen an der real existierenden Kanzlerin und ihren Methoden ab. Wie macht sie das?

Deshalb ist es eine glückliche Fügung, dass die Kanzlerin anlässlich eines Besuchs der Sternsinger im Hause ein Selbstzeugnis zu diesem Thema hinterlassen hat. „In bestimmter Weise hab ich auch was zu sagen“, formulierte sie kindgerecht, „aber ich kann viel sagen, wenn nicht andere mitmachen und wenn wir nicht bestimmte Dinge auch gemeinsam unternehmen.“

Ja. Wir sehen zunächst, wie selbst der mächtigsten Frau der Welt die Hände gebunden sind. Sie hat was zu sagen, aber nur in bestimmter Weise. Und sie kann viel sagen! Also redet und redet sie, fuchtelt mit der Kraft millionenfacher Wählerstimmen vor dem Kabinett herum wie Obi Wan Kenobi mit dem Laserschwert – aber die anderen machen einfach nicht mit. Püh, sagt Seehofer, och nö, sagt Westerwelle, ein paar andere sagen gar nichts, machen aber auch nicht mit. Im Grunde ist Deutschlandregieren in der Ära Merkel wie Frühstück beim Fähnlein Fieselschweif: gute Vorsätze, angekündigte gute Taten, aber nichts Konkretes, wenn nicht alle mitmachen.

Die Kanzlerin ist also als Mitmachberaterin gefordert. Fasst euch alle mal an den Händen, ruft sie ihren Ministern zu, schreckt selbst vor einfachen Kehrreimen nicht zurück, piep, piep, piep, wir haben uns alle lieb. Dann muss jeder am Tisch sagen, was er an seinem rechten Nachbarn am tollsten findet, positives Denken ist Pflicht, und am Ende wird eine gemeinsame Unternehmung beschlossen, irgendwas, gemeinsam auf dem Kanzlerklo rauchen, dem Verfassungsgericht die Roben klauen, die Konjunktur ankurbeln.

Das ist gut für die Stimmung, aber naturgemäß am Anfang nicht besonders effektiv. Doch die Methode wirkt spätestens im Sommer 2012. Und bis dahin können ja die Sternsinger die gröbsten Katastrophen verhindern.

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