Matthies meint : Gern auch berauschend

Kaum ist das neue Jahr ein paar Tage alt, müssen wir hier das Ende einer wichtigen Kulturtechnik beklagen: Das Rauschen in Deutschlands Fernsehen ist vorbei, und mit ihm eine ganze Armada von Fachbegriffen und Verzweiflungshandlungen. Denn am soeben vergangenen Donnerstag wurde Deutschlands letzter analoger Antennen-Sender abgeschaltet, der Carlsturm in Auerbach im Vogtland.

Was damit untergegangen ist, können nur noch gereifte Alt-Gucker ganz und gar würdigen. Denn was wissen die Jüngeren noch von Geisterbildern, Schnee und dem verzweifelten Versuch, irgendwo in der Pampa mit Hilfe einer wackligen Zimmerantenne im Bildrauschen herauszufinden, was es mit dem dritten Wembley-Tor auf sich hatte? Das Gerät wurde gedreht, geschoben, höher ins Regal gestellt, getreten. Verwünscht!

Analog-Empfang hieß: Der Zuschauer war dem Treiben von Wind und Wetter, von Sonnen- und Magnetstürmen hilflos ausgeliefert, und wenn sich eine Krähe darauf kaprizierte, oben auf dem Antennenmast Platz zu nehmen, dann war das eben so, da half auch die perfekte Arbeit des Technikers nicht mehr, sondern allenfalls ein Schuss mit dem Luftgewehr.

Aus östlicher Richtung betrachtet hing noch viel mehr an diesen Antennen: der komplette Westen. Klar, da gab es das „Tal der Ahnungslosen“, das von westlichen Sendern auch mit den ausgefeiltesten Tricks nicht erreicht wurde. Aber im Rest der DDR nahm man, was eben zu haben war, egal, ob es rauschte wie Sau oder aber – beispielsweise in Ost-Berlin oder sonstwo in Grenznähe – ganz tadellos aus der Glotze kam.

Schuld am Tod des Analogen ist das Digitale, das erleben wir ja nicht zum ersten Mal. Wenn jetzt die Sendequalität nicht stimmt, dann kommen erst die Klötzchen, dann stockt das Bild, dann ist es weg, an oder aus, dazwischen gibt es so gut wie nichts. Zweifellos ließe sich ein Analog-Kult ableiten wie bei der Vinyl-Schallplatte, eine Mini-Religion, der das Knistern als Ausweis unverstellter Authentizität gilt – nur geht so ein Kult ohne Sender einfach nicht.

Die Gegenwart aber ist rauschfrei, ein oder aus. Jedenfalls bis auf Weiteres. Denn die NSA forscht gegenwärtig verstärkt an Quantencomputern, die, grob zusammengefasst, auch wieder alles zwischen null und eins verstehen. Damit gibt es, wenn wir die Experten richtig interpretieren, keine Geschwindigkeitsgrenzen mehr. Gut! Denn dann könnte die NSA uns sicher bei der Suche nach einem anständigen Fernsehprogramm helfen. Es darf auch gern berauschend sein.

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