Matthies meint : Größer als Käsekuchen

Unser Autor Bernd Matthies über Anglizismen in unserer Sprache und warum letztere so gemein sein kann.
Unser Autor Bernd Matthies über Anglizismen in unserer Sprache und warum letztere so gemein sein kann.Foto: TSP

Wenn Sie diese Zeitung grad eben aus dem Briefkasten geholt haben, dann lag da eventuell schon was anderes drin, ziemlich laut rot-weiß bedruckt: Es handelt sich um eine sogenannte „Bild“-Zeitung. 41 Millionen Stück sollen davon am heutigen Sonnabend per Briefträger verteilt werden, jeder deutsche Haushalt wird eine kriegen, und das alles, weil diese Zeitung nun seit genau 60 Jahren existiert, und weil sich der Springer-Verlag darüber ganz doll freut.

Bitte keine Illusionen! Es handelt sich nicht um eine Tageszeitung, Sie müssen nicht nach Schlagzeilen wie „Akropolis Adieu!“, „Gomez bombt Griechen nach Athen“ oder „Özil macht aus Hellas Tsatsiki“ Ausschau halten. Die gibt es nur am Kiosk gegen Geld. Das im Briefkasten ist eine andere, zeitlose Ausgabe, die sich auf der Titelseite den beliebtesten Deutschen der Gegenwart widmet: Donald Duck, Til Schweiger, Jürgen Klopp und Axel Schulz.

Chefredakteur Kai Diekmann wird darin mit seiner alten Frisur – der öligen – zu sehen sein, obwohl er doch gerade auf Kurzhaarwuschel umgestiegen ist, so inaktuell ist die Gratis-Zeitung. Es liegt auf der Hand, dass viele Deutsche dennoch nicht mitfeiern wollen und erbitterten Widerstand gegen die missbräuchliche Nutzung ihres Briefkastens geleistet haben – 230 000 sollen inzwischen förmlich protestiert haben.

Es wirkt gewiss ein wenig widersprüchlich, wenn man der „Bild“ kostbare persönliche Daten zur Verfügung stellt, nur um sie sich unbedingt vom Hals zu halten. Aber als Lohn winkt immerhin ein roter Umschlag, der offiziell dem Briefträger klarmachen soll, wo keine Zeitung hineingehört. Doch er wird nicht leer sein, irgendwas ist drin, es muss eine Botschaft sein, etwas, was uns das pumpernde Herz der „Bild“-Zeitung näherbringt, ihre investigative Kraft und Menschenliebe, ihre … Ein Autogrammfoto von Diekmann?

Nein. Was Praktisches, ein Gutschein. Die „Bild“-Bibel gratis, als Antiserum zum Salafisten-Koran. Für einen Eimer Volks-Wandfarbe von „Bild“, die ist ohnehin grad im Angebot. Für übrig gebliebene Volks-Winterreifen. Oder es ist eine eigens geschriebene „Post von Wagner“: „Alle Deutschen sind ’Bild’-Leser. Die ’Bild’ ist größer als Himbeereis, größer als Käsekuchen, fast größer als der Führerschein.“

Nur ein Vorschlag! Es besteht natürlich auch die Möglichkeit, den roten Umschlag ebenso wie die Gratis-Zeitung einfach in den nächsten Container zu werfen.

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