Matthies meint : Großer kleiner Doktor

Das akademische Leben steckt voller Tücken. Da hat nun einer, ach, Politikwissenschaft studiert mit durchaus heißem Bemühen, hat das Studium mit einer Promotion geadelt, ist zum Generalsekretär einer christlich-sozialen Union aufgestiegen – und wird nun plötzlich als „kleiner Doktor“ verspottet.

Wir reden von Alexander Scheuer, dem neuen, weitgehend unbekannten CSU-General. Sein Job, wir kennen das aus zahlreichen Wahlkämpfen, gleicht dem einer Kampfdrohne. Er hat weit vorn hoch über dem feindlichen Lager zu schweben und beim geringsten Anzeichen einer Schwäche aus allen Rohren zu feuern. Gefangene macht so einer nicht, Entschuldigungen überlässt er den Weicheiern.

Scheuer, nun ja, hatte noch keine Gelegenheit zu solch einschlägiger Profilierung. Man zählt ihn an sich nicht zu den Krachledernen, mit Gamsbart und Sepplhose wurde er noch nicht gesehen; wegen Dreitagebart und handgesägter Hornbrille gilt er eher als einer der gediegenen urbanen Neuerer seiner Partei, eher AC/DC als Musikantenstadl.

Auch das mit dem kleinen Doktor ist noch längst nicht Allgemeingut. Scheuer hat in Prag promoviert, und zwar auf Deutsch über die CSU, was offenbar ganz normal ist. Doch der Titel lautet dann offiziell nur „doktor filozofie“, kurz „PhDr“, eine verfluchte Versuchung, das Ph einfach mal wegzulassen. Und nun kommt es: Man darf das auch, aber nur in Berlin und Bayern. Fährt der PhDr. von München in die Hauptstadt, ist er unterwegs in gleich drei Ländern kein Doktor, fliegt er, vermutlich auch nicht.

Das ist schwierig. Und gänzlich unfassbar ist, dass Bayern und Berlin, deren durchschnittliche Bildungsniveaus sich zueinander bekanntlich verhalten wie Harvard zu Hilfsschule, dass diese beiden Länder diesen kleinen Doktor einmütig als großen gelten lassen, jedenfalls auf der Visitenkarte. Ob es daran liegt, dass aus der bayerischen Nomenklatura einfach zu viele in Prag promoviert haben, und das eventuell auch noch über ein Thema, das mit der CSU zu tun hat und deshalb von Kritikern als ein wenig leichtgewichtig beargwöhnt werden könnte?

Scheuer, das wollen wir festhalten, gibt nach. „Um eine kaum handhabbare Praxis beim Führen des Titels zu vermeiden, habe ich mich entschieden, vom Führen des Titels künftig völlig abzusehen.“ Eine kaum handhabbare Praxis – das klingt eher nach einem Juristen als einem Politologen. Aber gemeint ist vermutlich: Er wollte beim Autofahren nicht immer erst nachschauen, wie das Bundesland heißt.

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