Matthies meint : Harakiri oder Kamikaze?

Bernd Matthies HP Kontur

Waren wir nicht früher alle ein bisschen Toyota? Geblendet von japanischer Effizienz, Selbstdisziplin und Genauigkeit? Haben wir nicht durch Einbürgerung von Wörtern wie „Kamikaze“ und „Harakiri“ deutlich gemacht, wie sehr uns der Wille imponiert, die Dinge wirklich durchzuziehen? Und staunend vor dem Willen gestanden, die Welt als Ganzes zu fotografieren, koste es auch sämtliche zehn Urlaubstage, die der Arbeitgeber herausrückt?

Und nun nichts als Ausfallerscheinungen. Tokio hat mehr Drei-Sterne Restaurants als Paris, gut, das war ein letzter Höhenflug vor dem Sturz. Denn heute opelt Toyota müde vor sich hin, mehr Hybris als hybrid. Sony macht Miese, unfähig, den Apple-Leuten mit irgendwas Technischem zuvorzukommen. Panasonic? Pioneer? Lassen wir das.

Überhaupt, Amerika: Der gerade aktuelle japanische Premierminister Aso bezieht ein Gehalt von umgerechnet 440.000 Euro jährlich – und schon mäkeln die Bürger, das sei mehr, als Barack Obama verdiene, der doch garantiert viel besser regieren könne. Und wie reagiert Aso? Statt vor dem Tenno im Bademantel stilvoll ein letztes Kugelfisch-Menü einzunehmen, zuckt er mit den Schultern über diese unerhörte finale Schmähung.

Nun auch noch Finanzminister Nakagawa. Als wäre es nicht das erste Gebot, der wirtschaftlichen Situation kühl und reserviert gegenüberzutreten, wirkte er beim G-7-Gipfel in Rom desorientiert, trug seine Erkenntnisse lallend vor, mit gesenktem Kopf und geschlossenen Augen. Zur Erklärung gab es den routinierten Mix aus Entschuldigungen für „Fehlverhalten“ und „starke Erkältungsmedikamente“, was man halt den Pressesprecher sagen lässt in solchen Situationen. Wahr ist natürlich: Die Lage Japans ist eigentlich nur noch mit Vorglühen zu ertragen, Sake, Wein, Suntory-Whisky, egal.

Ah, es ist das Nüchterne an unseren eigenen Politikern, das uns hoffen lässt. Peer Steinbrück würde nie mit schwerer Zunge vor die Presse treten, würde nie einen Schlafanzug mit schwarzem Gürtel anlegen, um dann anderen Leuten in den Hintern zu treten. Und dabei verdient er sicher nicht mal halb so viel wie der Kollege Nakagawa.

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