Matthies meint : Hier ruhen unsere Bauvorhaben

Zu den schönsten Erscheinungen der Moderne zählt der ruhende Verkehr. Warte nur, balde ruhest du auch, rufen wir unserem Auto zu, bevor wir es in der Parklücke zur Nachtruhe betten. Da bleibt es bis zum nächsten Tag, bis es möglicherweise vom Ordnungsamt unsanft geweckt wird.

Häufig ruht der Verkehr auch unfreiwillig, nämlich wegen eines Staus. Dessen Ursache wiederum ist häufig ein ruhendes Bauvorhaben, ein Ding also, das es eigentlich gar nicht geben dürfte. Denn, nicht wahr, wir sind keine Bananenrepublik, hier rückt die Baukolonne pünktlich an und ruht erst wieder, wenn die sehnigen Fäuste der Arbeiter so lange geteert und gefedert haben, bis das Vorhaben zur Zufriedenheit des Auftraggebers abgeschlossen ist.

Oder nicht? Dem Bundesbauministerium ist da was zu Ohren gekommen, und es hat deshalb eine Meldestelle für offenkundig ruhende Bauvorhaben auf Bundesstraßen eingerichtet; jeder kann sie melden, 220 Meldungen sind seit Anfang Oktober eingegangen.

Wir stellen uns das Bundesbauen ja normal so vor, dass da ein ingenieursbärtiger Oberregierungsrat am Rand steht, den Baufortschritt abhakt und zweimal wöchentlich die Abriebkennwerte und Gefällekoeffizienten misst, bevor er in seinen Dienst-Audi steigt und zur nächsten Baustelle fährt; aber das läuft so offenbar nicht. Die Bauarbeiter machen unbeobachtet, was grad anliegt, und wenn der Chef ihnen befiehlt, statt der Überholspur in Buckautal West rasch mal die Garageneinfahrt eines weißrussischen Ölmagnaten zu asphaltieren, dann tun sie das eben. In Buckautal merkt das keine Sau.

Was mag nun mit den 220 Meldungen passieren? Das Bundesbauministerium wird unerbittlich nachhaken, Kopie an Minister Ramsauer, und in aller Regel erfahren, dass jeweils exakt einen Tag vor Eingang der Meldung eine hochkomplexe Isolationsschicht aufgetragen wurde, die bis zur vollständigen Aushärtung mehrere Monate absolute Nachruhe benötigt. Deshalb sei es auch nötig, den gesamten Autobahnabschnitt auf einer Länge von 20 Kilometern komplett von Baumaschinen und Arbeitskräften zu befreien, auch wenn das dann den unzutreffenden Eindruck eines ruhenden Bauvorhabens …

Immerhin! Wir rechnen nun fest damit, dass im Kanzleramt eine Meldestelle für ruhende Regierungsvorhaben eingerichtet wird. Allein die Steuerreform! Derzeit nur einspurig Stop-and- go. Und dazu noch jede Menge Geisterfahrer.

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