Matthies meint : Hinterher unbedingt beichten!

Gerade hat der Bundestag eine Projektgruppe zum Thema Medienkompetenz eingerichtet. Ihr Ziel ist es, dafür zu sorgen, dass die Eltern ihre Kinder kompetenter ins Internet einführen. Das ist lustig.

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Das Wort der Saison ist zweifellos „Medienkompetenz“. Es handelt sich um jene Fähigkeit, die uns früher in die Lage versetzte, die Wählscheibe am Telefon zu drehen und die Antenne auf dem Röhrenfernseher so lange herumzuschieben, bis das Schneetreiben auf dem Bild weitgehend weg war – das genügte. Damals hieß das aber nicht so, denn Medien hielten wir in erster Linie für eine persische Provinz.

Heute ist alles ganz anders. Gerade hat der Bundestag eine Projektgruppe zum Thema Medienkompetenz eingerichtet. Ihr Ziel ist es, dafür zu sorgen, dass die Eltern ihre Kinder kompetenter ins Internet einführen. Das ist lustig. Denn es klingt, als sitze der Vater immer noch zu Hause, wähle in der „Hörzu“ das Kinderfunkprogramm aus und teile dann gnädig Sehzeiten zu.

Die Realität, liebe Eltern, sieht ja doch eher so aus, dass wir uns die Medienkompetenz gern umgekehrt von unseren Kindern vermitteln lassen würden. Doch was passiert? „Ach Papa“, sagt das Kind, „du auf Facebook, das ist doch peinlich! Bleib lieber bei deinen ollen E-Mails.“ Der Experte von der CDU spricht übrigens in diesem Zusammenhang schlau von „Digital Natives“, das sind jene, die mit dem Internet aufgewachsen sind, also eine Art Aborigines mit Notebook statt der nervigen australischen Holztröte.

Die Projektgruppe hat das Problem offenbar erkannt. Denn sie möchte den Eltern das beibringen, was ihre Kinder schon können, damit sie dann erzieherisch besser einwirken können. Es läuft vermutlich darauf hinaus, dass die Familie sich ausgewählte Porno- und Gewaltvideos gemeinsam anschaut und dann daraus einen Katalog von Gegenmaßnahmen ableitet, immer im Dialog mit der Projektgruppe vom Bundestag.

Eine schöne Hoffnung ist in diesem Zusammenhang allerdings gerade zerstört worden. Der Kölner Kardinal Joachim Meisner lehnt die Online-Beichte kategorisch ab, weil dabei das persönliche Gegenüber fehle. Im Lichte der erwünschten Medienkompetenz erscheint diese Haltung rückständig. „Vater, vergib mir, ich habe mir Youporn angesehen und in Gedanken gesündigt.“ – Wie peinlich ist das denn? Die Sache ließe sich durch sofortige OnlineBeichte per Mausklick viel medienkompetenter regeln und überdies mit einer Kreditkarten-Kollekte verbinden, womit allen Seiten gedient wäre.

Irgendwann kommt das sicher. Spätestens, wenn der erste „Digital Native“ zum Kardinal ernannt wird.

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