Matthies meint : Im Himmel nur Etagenklo

Letzte Woche hatte Dagmar Berghoff – Sie erinnern sich? – ihr Facebook-Erweckungserlebnis, und es endete fast tragisch. Denn weil sie mit Hilfe einer norwegischen Bekannten eingestiegen war, hatte sie plötzlich 20 norwegische Freunde sowie 40 andere, die sie überhaupt nicht kannte. Und machte sich erschreckt vom Hof. Ihre Seite scheint zwar noch zu existieren, aber es steht nichts mehr drauf, eine von Millionen Karteileichen.

Ein solcher Schritt weg von Facebook ist dennoch mutig. Denn es mag ja sein, dass Frau Berghoff dereinst im Himmel aufgenommen werden möchte, und an der Rezeption sitzt einer und teilt ihr mit, dass Neuaufnahmen ohne Facebook-Profil nicht mehr möglich seien. Es muss so kommen, denn der bevorstehende Börsengang des Unternehmens soll zig Fantastilliarden in die Kassen der Anteilseigner spülen, ja, dieser Finanz-Tsunami wird angeblich sogar dazu führen, dass Bono hinterher reicher ist als Paul McCartney, was unter rein musikalischen Aspekten den Witz des Jahrzehnts darstellt.

Aber Facebook hat ja auch wenig mit Musik zu tun, sondern lebt bekanntlich davon, dass es unser Leben bis in die dunkelsten Winkel kartographiert und die Details dann meistbietend an irgendwelche Großkapitalisten verkauft. Ich stelle mir das so vor, dass ich beispielsweise an meiner Pinnwand große Freude über die neue Duschtür äußere – nur ein Beispiel! – und dann so lange mit Anzeigen für Badewannen, Keramikfliesen und elektrische Klorollenhalter traktiert werde, bis ich dem Wahnsinn verfalle. Und mir der Mann an der Himmelsrezeption grinsend mitteilt, für Typen wie mich gebe es leider nur Zimmer mit Etagenklo.

Ich habe übrigens gegenwärtig 833 Facebook-Freunde, und die häufigste Werbung betrifft, wenn ich das richtig verstanden habe, einen Kaffeepott, der auf der Außenseite des Bodens eine Schweinenase trägt. Hebt man ihn zum Trinken hoch, dann sieht es so aus, pruuust!, als sei der Trinker ein Schwein, bruhaaa!, Sie verstehen? Ebenso oft erhalte ich Einladungen zu Dingen namens „BranchOut“ oder „Hidden Chronicles“, ich gehöre verschiedenen Gruppen an, deren Zweck mir nachhaltig verborgen bleibt. Täglich möchte mich jemand einem Geburtstagskalender hinzufügen, und einer hört dauernd norwegischen Jazz und informiert über jeden einzelnen Titel.

Das also bringt dem Erfinder Milliarden ein. Hätte man auch selbst drauf kommen können!

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