Matthies meint : Irgendwie resistent

In einer der besten Geschichten Woody Allens geht er mit seinem Fensterputzer ins Pantomimentheater. Alle wollen sich schier beölen vor Spaß, der Fensterputzer holt sich die Lachtränen mit seinem Gummiwischer aus dem Gesicht – doch Woody sitzt nur da, er versteht das Gehampel auf der Bühne einfach nicht.

Ohne mich mit ihm vergleichen zu wollen: So geht es mir bei der Fußball-WM. Ich bin irgendwie resistent. Es interessiert mich nicht im Geringsten, ob Philipp Lahm seine Stollen links- oder rechtsherum einschraubt. Ich weigere mich, mein Gehirn mit Details der Bundesliga-Tabelle 87/88 zu verstopfen, und ich kann mir keine Anwendungsmöglichkeit für die Information denken, dass Victoria Heidenheim im Sommer 94 acht Wochen in der zweiten Liga spielte, außer vielleicht, um bei Günter Jauch eine Million zu gewinnen. Und Menschen oberhalb des Grundschulalters, die sich die Farben ihrer Nationalflagge ins Gesicht schmieren und haltlos zu flennen beginnen, wenn ihr Lieblingsstürmer einen Elfmeter versemmelt, sind mir so fremd wie Klingonen. Na, eher fremder.

Am meisten, nämlich doppelt, hat mich kürzlich eine Schlagzeile getroffen, die mir von einer in der S-Bahn liegengelassenen Zeitung entgegensprang: „Alle iPhone-Apps zur Fußball-WM“. Denn ich habe auch kein iPhone – und wenn ich eins hätte, wäre ich der Letzte, der sich für Apps zur WM interessieren würde.

Bitte, das könnte genetisch sein, vielleicht eine Art fußballspezifisches Asperger-Syndrom? Neulich habe ich meinen Arzt gefragt, ob sich da was machen ließe, eine DNA-Transplantation, eine Art umgekehrte Desensibilisierung, irgendwas. Und er antwortete: „Können wir das beim nächsten Mal besprechen? Jetzt fängt gleich das Bosnien-Spiel an.“

Nicht, dass Sie mich nun für den kleinen Dicken halten, der hier sein Trauma aus der Sportstunde kompensiert. Nein! Ich war ein ziemlich geachteter Torschütze, beidfüßig. Und auch heute ist es nicht so, dass ich schreiend weglaufe, wenn ein Spiel im Fernsehen läuft. Ich schaue mir das eine Weile an, bis es, unweigerlich, langweilig wird. Und ich bin im Zweifel für die deutsche Mannschaft, die ich aber nie, nie! „unsere Jungs“ nennen würde; die meisten erkenne ich nur, weil hinten auf ihnen der Name draufsteht.

Sie ahnen es: Ich denke auch nicht im Traum daran, mir in den kommenden Wochen eine Deutschland- Flagge ans Auto zu klemmen. Aber das ist im Grunde wieder ein ganz anderes Thema.

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