Matthies meint : Kein Kreuz vom Knödel

Unser Autor Bernd Matthies über Anglizismen in unserer Sprache und warum letztere so gemein sein kann.
Unser Autor Bernd Matthies über Anglizismen in unserer Sprache und warum letztere so gemein sein kann.Foto: TSP

Oh, Deutschland hat aus der Geschichte gelernt. Dazu gehört zum Beispiel, dass es schon aus rein geschmacklichen Gründen in der Bundeswehr keinen Feldmarschall oder gar Generalfeldmarschall gibt. Überhaupt sehen wir ungern die allzu schwere Ordensbrust, und wenn sich der ägyptische Armeechef al Sisi nun zur Feier seiner Präsidentschaftskandidatur den Titel „Feldmarschall“ verleiht, dann sehen wir ihn vor uns – einen Autokraten, der mit den Waffen rasselt und nur deshalb nicht weltweit ausgelacht wird, weil diejenigen, die er niederhält, als noch schlimmer gelten.

Unser Land ist im Vergleich extrem zivil, selbst wenn es dick kommt. Ein sehr hoher Rang in der niedersächsischen Staatskanzlei, wir erinnern uns, war seinerzeit der „Generalfeldschnulli“ Olaf Glaeseker, der seinen Chef Christian Wulff den „Knödel“ nannte – herzlich humorige Nomenklatur einer Behörde, die den Krieg auch beim allerbösesten Willen nicht einmal vor die Tore Kassels hätte tragen können.

So stellen wir uns, im Prinzip, unsere Machthaber vor, Kuschelbären ohne Arg mit bodenständigem Humor. Dass nun gegenwärtig doch all das Gegenstand einer Gerichtsverhandlung ist und womöglich auch noch verfilmt wird – geschenkt. Aber es zählt doch zu den pikanten Kollateralinformationen dieses Korruptionsprozesses, dass Glaeseker kurz davor war, vom Knödel mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt zu werden, und zwar für die gloriose Organisation des Nord-Süd-Dialogs, jener Veranstaltungsreihe also, bei dem sein Kumpel Manfred „Oberschnulli“ Schmidt … Sagen wir, es ging dort im Wesentlichen zu wie beim ADAC, viel anmaßend hohles Gedröhn, nur ohne gelbe Lackierung und die farblich abgestimmten Engel.

Aber die Geschichte kratzt doch zumindest am Bundesverdienstkreuz. Manch unterbezahlte Krankenschwester muss dafür sehr lange entsagungsvoll pflegen und geht doch leer aus. Manch anderer Besserverdiener dagegen wird dafür gewürdigt, dass er, anscheinend erfolgreich, eine Beschäftigung ausübt, die dem Ministerpräsidenten ein Wohlgefallen ist. In diesem Fall hat das Schicksal interveniert, das ist zweifellos ein gutes Zeichen. Und jedenfalls klar besser, als würde irgendein Feldmarschall dazwischenhauen.

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