Matthies meint : Keiner fährt zur Tankstelle!

Zu den rührendsten Kapiteln der deutschen Politikgeschichte zählt der permanente Protest der Wirtschaftsminister gegen den hohen Benzinpreis. Alle haben sie sich aufgemuskelt, haben, wie wir immer so schön daherschreiben, „den Ölmultis den Kampf angesagt“. Möllemann, Müller, Clement, der den Markt mit der deutschen Ölreserve beruhigen wollte, Brüderle, der ankündigte, er werde Aldi und Lidl in den Preiskampf schicken. Was den Benzinpreis nicht kümmerte: Er stieg einfach weiter. Wäre es üblich, dass Ölkonzerne und Minister ihren Preisstreit per Pistolenduell austragen, hätte Deutschland zahlreiche erschossene Politiker zu beklagen.

Nun: Philipp Rösler. Die Kanzlerin liegt vor ihm im Staub, er liegt auch, aber er ist früher umgefallen, hat Gauck durchgesetzt und gilt nun als Sieger. Also wendet er sich dem nächsten Gegner zu, dem größten, der zu haben ist, den Ölmultis. Er möchte ihnen verbieten, er möchte ... Er möchte ihnen irgendwas verbieten. Genau, das hier: Sie sollen den freien Tankstellen den Sprit nicht teurer verkaufen dürfen als dem Autofahrer am Zapfhahn.

Oh, das wird Wirkung zeigen. Die Ölmultis können dann den Sprit für die Freien billiger machen oder für den Autofahrer teurer, da blickt sowieso niemand mehr durch, das Kartellamt stampft auch nur noch zornig mit dem Fuß auf. Am Ende ist der Preis dann wieder auf neuem Rekordniveau, und die Finanzchefs von Exxon & Co. möchten schier platzen vor Glück.

Der Fairness halber: Auch der Finanzminister kann seinen Dusel kaum fassen, denn jeder Cent Benzinpreis bringt ihm 0,19 Cent Mehrwertsteuer obendrauf – und wann hätte der Finanzminister jemals freiwillig einen halblegal erworbenen Gewinn zurückgegeben?

Aber es regt sich Bürgerzorn, eine Art Sprit 21. Der 1. März, so wird geflüstert, soll zum Protesttag werden. Keiner, absolut keiner, fährt an diesem Tag zur Tankstelle! Sofort brechen die Multis ab, begreifen, in welch schmerzliche Lage sie uns, ihre Kunden, gebracht haben. Weh und ach! Wie versagende japanische Politiker treten ihre Bosse in Büßertracht vor uns, üben Selbstkritik, geloben, den Preis nie wieder ungebührlich steigen zu lassen – sogar Rücktritte sind nicht auszuschließen. Ein Wunder!

Es könnte allerdings auch sein, dass die Multis einfach sagen: Okay, gut so, verkaufen wir das Zeug eben einen Tag später zwei Cent teurer. Ob der Wirtschaftsminister das bis dahin noch schnell verbieten kann?

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar