Matthies meint : Kleine Warnung an unsere Finanzminister

Unser Autor Bernd Matthies über Anglizismen in unserer Sprache und warum letztere so gemein sein kann.
Unser Autor Bernd Matthies über Anglizismen in unserer Sprache und warum letztere so gemein sein kann.Foto: TSP

Traumberufe! Heute: der Insolvenzverwalter. Er bedeutet für die höheren Stände, was Peter Zwegat fürs Fußvolk ist. Je tiefer es mit der Wirtschaft abwärtsgeht, desto stärker blüht sein Geschäft. Ja, man könnte sich vorstellen, dass manch Vertreter dieses Berufsstandes abends, bevor er das Fünf-Sterne-Hotellicht löscht, regelmäßig seinem Herrgott für die intelligente, vorausschauende Berufswahl dankt. Und sich insgeheim wünscht, der Insolvenzrichter möge seinen Namen ziehen, wenn dereinst das Volkswagenwerk wackelt und der Jackpot fällig wird.

Nein, das soll hier keine Beschimpfung eines ebenso notwendigen wie doch durchweg seriös betriebenen Berufszweigs werden. Sondern eher ein kleines Innehalten angesichts der bemerkenswerten Tatsache, dass gerade einer der bekannteren deutschen Insolvenzverwalter, Bernd Reuss aus Friedberg, Insolvenz angemeldet hat und dieser Tage Besuch von einem Berufskollegen zwecks Abwicklung erwartet.

Wir stehen nun auf der Suche nach sinnstiftender Interpretation an einem Scheideweg. Die schwarzseherische Variante wäre: Wenn jetzt sogar schon die Pleiteverwalter pleitegehen, dann muss Deutschland wohl auf dem Weg von unten nach ganz unten sein – mal schauen, ob sie bei der Arbeitsagentur auch schon das Licht ausgemacht haben.

Die optimistischere Variante liefe darauf hinaus, große Freude zu verkünden im Land und in den Städten: Die Krise ist vorbei, mit Insolvenzen ist kein Geld mehr zu verdienen, schickt auch die Schuldenberater in Rente! Nie wieder Massenunzulänglichkeit!

Freilich kann es durchaus sein, dass der Einzelfall ein Einzelfall ist. Warum sollten Insolvenzverwalter – nur ein theoretisches Beispiel – besser gegen die Verführungen einer 20-Meter-Jacht in Marbella geschützt sein als Tapezierer oder Verwaltungsoberamtsräte? Und wer zahlt ihnen die Spesen, wenn aus einer gescheiterten Mini-GmbH nichts herauszuholen ist außer einem schrottreifen Computerdrucker und den löchrigen Socken des geschäftsführenden Gesellschafters?

Am Ende läuft wohl alles darauf hinaus, dass auch Insolvenzverwalter ganz normale Menschen sind und das Leben nehmen, wie es kommt. Eine Mahnung ist an dieser Stelle aber unumgänglich: Möge nie ein Finanzminister der Länder oder des Bundes in die Privatinsolvenz rutschen. Denn erst dann hätten wir wirklich Grund zu ernster Sorge.

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