Matthies meint : Neger, Juden und andere Manager

Immer will die Zunge stolpern. Der Bauch sagt ihr: Mach mal was Lustiges, Provokantes, nie Dagewesenes! Der Kopf denkt nicht lange, sondern knickt ein und schießt es raus. Hinterher, wenn alle nachgedacht haben, herrscht dann das große Auweia.

So auch jetzt. Christian Wulff, immerhin gestandener Ministerpräsident, hat das historisch nicht unbelastete Wort „Pogromstimmung“ benutzt, um die deutschen Manager in Schutz zu nehmen – das ist eine Variante der kürzlich hier in diesem Blatt geäußerten Auffassung des Professors Hans-Werner Sinn, es habe 1929 die Juden getroffen und heute die Manager.

Wulff ist aus der Kurve bedeutend eleganter herausgeflogen als Sinn, kein Zweifel, aber im Graben liegt auch er. Und auch das Ritual des Rückwegs – Kritik, vorsichtige Verstocktheit, Rücktrittsforderungen, Entschuldigung – folgt den in solchen Fällen üblichen Stationen. Sollten wir ein wenig herumbrodern und darüber sinnieren, weshalb auch in ganz unverdächtigen Deutschen die Gedankenverbindung Juden/Geld/Manager so unzerstörbar herumspukt?

Ach, im Ausland haben sie gottlob meist die noch größeren Schwätzer. Silvio Berlusconi zum Beispiel, der immer so oberschlau auftritt wie eine mediterrane Mischung aus Jörg Haider und Louis de Funès, kann inzwischen praktisch sagen, was er will – das Stöhnen der anderen ist in seinen Worten schon antizipiert, da tropft alles ab. Barack Obama nannte er „jung, schön und gut gebräunt“ – da ist alles drin, das klebrige Antatschen, die gönnerhafte Staatsmännlichkeit und der Witzhappen für die Stammtische, deren Insassen sich unter Kichern biegen: Da kann sich der Neger mal wieder nicht beklagen, was?

Es kommt da noch was auf uns zu. Obama hat es mit seinem Sieg sogar geschafft, die Nackte auf der Seite drei der britischen „Sun“ zu verdrängen, das wird man ihm in den weniger gut gebräunten Kreisen nicht einfach so nachsehen, da sind allerhand peinliche Anspielungen, historische Missgriffe und doofe Scherze vom Meter auch in Deutschland zu erwarten. Wozu haben wir schließlich all diese Talkshows?

Dabei ist das Schlusswort im Grunde von der „Titanic“ gesprochen worden, die uns diesen Cartoon beschert hat: „Entsetzen in Amerika – Schwarzer wird Präsident!“ Und auf dem Bild drunter lächelt die Altfeministin und erklärt: „Ich nehme die Wahl an.“ Mit dieser wirklich schauderhaften Idee wäre das Thema erledigt, nicht wahr?

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