Matthies meint : Quanten, überall Quanten

Dies sind, seufz, schnelllebige Zeiten. So schnell, dass wir manche Dinge schon gar nicht mehr erleben müssen, weil ihr Schatten uns überholt. Der neue James-Bond-Film beispielsweise startet in Deutschland am 6. November, und er heißt „Ein Quantum Trost“. Das sei auch nicht blöder als „Octopussy“, hat Hauptdarsteller Daniel Craig schon entschuldigend mitgeteilt, da hat er recht. Nur hat er übersehen, dass der neue Titel einen Haufen bemühte Späße erzeugt, an denen wir würgen werden, noch bevor der erste Filmschuss ertönt ist.

„Ein Quantum Reue“ – da ging es um Michael Ballack und sein Beidrehen vor dem Bundestrainer. „Ein Quantum Frost“ – das betrifft für „Spiegel online“ die Hofer Filmtage, vorerst jedenfalls, denn unsere TV-Meteorologen werden sich die Vorlage bestimmt nicht entgehen lassen, wenn der Winter kommt. „Ein Quantum Ost“ liegt als Leitartikel-Überschrift für den Fall bereit, dass das Ypsilanti-Manöver in Hessen gelingt, bitte, da machen wir hier grad schon mal Musterschutz geltend. Und ein Quäntchen Intellekt, na immerhin, finden Sie auf der letzten Seite dieses heutigen Tagesspiegels. Die bislang ungelöste Frage lautete: Wie groß ist dieses Quantum eigentlich? Ist es irgendeine nebelhafte Größe, was radikal Subjektives, oder doch eher messbar, konkret? Hier! Ein Quantum Post – das könnten so um die 449 Millionen Euro sein, die die Postbank im dritten Quartal als Miese verbucht hat, irgendwie schockierend für ein Institut, das doch in den Augen der Öffentlichkeit immer als verlängerter Sparstrumpf für die aufgeklärte Seniorin galt. Der Vorstandschef sagt jetzt aber nicht „Das geht jetzt voll in die Grütze!“, sondern formuliert so: Man müsse sich auf „anspruchsvolle Zeiten in einem rezessiven Umfeld einstellen“.

Diese Formulierung zeigt uns, dass es die kühle, abgewogene Chefetagen-Eleganz immer noch gibt, ungeachtet der vollen Hosen, die dahinter stecken – ein Quantum Trost, wäre dies nicht die einzige Formulierung, die durch das Original bereits verschlissen ist. James Bond wird sowieso nicht helfen, außer es stellt sich heraus, dass hinter dem globalen Finanzchaos irgendein glatzköpfiges Verbrechergenie steckt, das er dann zum Zwecke der Weltenrettung in die Luft sprengen könnte.

Vermutlich werden wir nicht umhinkommen, das anspruchsvolle Jahr 2009 mit einem betäubenden Schluck zu begrüßen. Hier ist der passende Trinkspruch: ein Quantum Prost.

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