Matthies meint : Runter von der Euphoriebremse!

Unser Autor Bernd Matthies über Anglizismen in unserer Sprache und warum letztere so gemein sein kann.
Unser Autor Bernd Matthies über Anglizismen in unserer Sprache und warum letztere so gemein sein kann.Foto: TSP

Berlin, ach. Schon wieder in Gefahr! Es ist ja so, dass die Menschen in dieser unserer Stadt einfach ihr psychisches Gleichgewicht nicht finden. Gut, die Leute aus aller Welt kommen zu uns, suchen, was sie bei sich nicht finden, es muss also was da sein. Sie sind sogar glücklich über unsere Unzulänglichkeit, freuen sich, wenn sie von dem Einheimischen grob abgebürstet werden, drängeln sich auf unbrauchbaren Flughäfen, als wäre all das nur Reiseführer-Folklore. Und wir? Erschöpft, genervt, müde.

Eins aber kann uns aus dieser Lethargie herausreißen: der Fußball. Hertha in die Champions League! Oder lieber nicht? Lieber nicht. Einer Agenturmeldung war jetzt sogar die Forderung zu entnehmen, die Verantwortlichen bei Hertha BSC müssten dringend „die Euphoriebremse treten“.

Das ist ohne Zweifel ein starkes Bild. Die Elf schießt durch eine lange Gerade, Frankfurt bleibt am Horizont zurück, die Fankurve kocht, bengalische Feuer leuchten, ja, ist das denn die Möglichkeit, da kommt Nürnberg näher, eine unübersichtliche Kurve, man weiß nicht, geht es so weiter oder fliegt die Hertha schon am zweiten Spieltag aus der Kurve... Das ist der Moment, in dem also die Euphoriebremse getreten werden muss, das Pedal rechts neben dem Angeberschalter und unter dem Sprüchegenerator, so hart wie möglich. Es reicht nicht, wenn es einer tut, alle gehen voll in die Klötze, der Trainer, der Manager, der Fanclubbetreuer, der Zeugwart: quiiietsch! Sofort kommt die La-Ola-Welle zum Stillstand, die Schlagzeilen mäßigen sich, och, nur diese alte Hertha, was soll dabei schon Besseres rauskommen als Platz 16. 

Aber warum ist das eigentlich so? Gibt es Anlass zur Vermutung, eine euphorisch ungebremste Hertha in einer euphorisch ungebremsten Stadt könnte irgendwie Schaden anrichten? Als wäre es besser, wenn da 70 000 Trauerklöße und -klößinnen auf der Tribüne hocken, öh, schon wieder Fußball, ist das langweilig. Als wäre es besser, wenn die Fußballer über den Rasen schleichen, Tschuldigung, das 6:1 gegen Frankfurt war ein Versehen, wir machen jetzt wieder die Rumpelfüßler und kriegen ohne fremde Hilfe sowieso nichts gebacken.

Nein, es geht eben doch alles besser mit Euphorie. Runter von der Bremse, die große Klappe geöffnet, und dann los. Übrigens würde diese Haltung auch dem Bau des neuen Flughafens gut bekommen. Dessen Verantwortliche haben die Euphoriebremse ja praktisch erfunden.

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