Matthies meint : Setz schon mal die Kartoffeln auf!

Unser Autor Bernd Matthies über Anglizismen in unserer Sprache und warum letztere so gemein sein kann.
Unser Autor Bernd Matthies über Anglizismen in unserer Sprache und warum letztere so gemein sein kann.Foto: TSP

Wie konnte aus der Schlacht von Marathon ein Mythos werden? Weil angeblich der Bote Pheidippides losrannte, um den Athenern mitzuteilen, dass die Perser geschlagen sind – und weil er dann vor Entkräftung tot zusammenbrach. Heute würde er sein Handy nehmen, die Worte „haben perser plattgemacht, lg :-)))“ eintippen, zum Areopag senden und sich dann einen schönen Tag in der Ägäis machen, kein Tod, kein Mythos.

Oder die Emser Depesche. Ein geschriebenes Telegramm! Man darf sehr zweifeln, ob es auch zum Krieg gekommen wäre, wenn Bismarck nur eine SMS bekommen hätte, „Franzmann dreht total am Rad, span. Thronfolge fraglich, Gruß Abeken.“

Wir stellen uns regierungsamtliches Handeln immer noch als eine Sache mit Büttenpapier, Wachssiegel und reitenden Boten vor, jederzeit archivierbar und dokumentenecht. Und wir haben deshalb gewisse Probleme mit der Angewohnheit der Kanzlerin, alles per SMS zu regeln, hochgradig flüchtig, wenn nicht gar unsichtbar. Sie könnte auf diesem Weg – Gott bewahre! – eben mal Monsieur Hollande den Krieg erklären, und alle, die allwissende CIA mal ausgenommen, würden nur dumm glotzen und sich wundern, was da so kracht an der Elsässer Weinstraße.

Regierungssprecher Seibert hat nun Trost parat. Nein, verspricht er, alles, was die Kanzlerin regierungsamtlich durch die Welt simst, werde auch archiviert. Die Vorschriften! Unbedingt einzuhalten!

Gut so. Aber schwer praktisch vorzustellen. Entscheidet Angela Merkel selbst, ob es regierungsamtliches Handeln ist, wenn sie dem Finanzminister entnervt die Worte „Keinen müden Cent mehr für diese Zazikis!“ schickt? Oder lässt sich ihr Büro eine Wochenübersicht geben und entscheidet dann hinterher, „amtlich, privat, privat, hm, lieber nicht, amtlich …“?

Angesichts der lebhaften Handy-Aktivitäten der Kanzlerin kommt auf künftige Historiker ein Haufen Arbeit zu. Weltpolitik in Kürzeln, orthografisch anfechtbar, gesammelt in staubigen Aktenordnern oder auf Festplatten, die im Jahr 2200 überhaupt nicht mehr lesbar sind – eine echte Herausforderung.

Steht zum Beispiel in einer Merkel- SMS „Bin mit Putin fertig, setz schon mal die Kartoffeln auf!“, dann kann das eine codierte Nachricht hoher Geheimstufe sein. Oder, wahrscheinlicher, ein Hinweis für den Gemahl. Aber wie sollen die Wissenschaftler das in 200 Jahren noch auseinanderhalten?

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