Matthies meint : Sparen mal ganz anders

Immer noch überraschend für die Nicht-McKinseys unter uns: Ein Betriebsgewinn lässt sich planen. Es ist keinesfalls so, dass der Chef nach Kräften wirtschaftet und dann am Ende schaut, was in der Kasse hängen geblieben ist. Er analysiert vielmehr die allgemeine Wetterlage, die Form der Mitbewerber und die Wirtschaftsgutachten, multipliziert das Zwischenergebnis mit dem Präzessionswinkel der Erdachse und einem individuellen Korrekturfaktor – und zack, hat er die Zahlen für die nächsten Jahre fertig.

Zum Beispiel die Deutsche Bahn. „Dem Vernehmen nach“, so schreibt uns spitzfingrig die Deutsche PresseAgentur, „plant die Bahn einen Betriebsgewinn von 1,7 Milliarden Euro in diesem Jahr und von 2,2 Milliarden im nächsten Jahr. 2014 sollen es mehr als drei Milliarden Euro sein.“ Dem Vernehmen nach heißt: Das hat einer gesagt, der es wissen muss, aber nicht genannt werden will.

Goldene Zeiten! Da haben wir ein Unternehmen, das zwar nix auf die Reihe bekommt, aber aus dieser Unfähigkeit offenbar gewaltigen Profit schlägt, so gewaltig, dass jährlich 500 Millionen dieser Einnahmen schon fest im Bundeshaushalt eingebucht sind, als Teil des „Sparpakets“, wie es in feinsinniger Ironie heißt. „Sparen“ würde in diesem Sinn also auch ein notorischer Pleitier, der die Millionen der Erbtante raushaut, obwohl die überhaupt nicht daran denkt, zu sterben, und bei der genau genommen nicht mal sicher ist, ob sie überhaupt noch Geld hat.

Es kann trotzdem funktionieren. Die Bahn muss nur endlich die veraltete sog. Hardware abwerfen, Weichen, Signale, Züge, all das Zeug, das nichts als Ärger und Kosten verursacht, und irgendwas Virtuelles machen. Heute verdient man Geld dadurch, dass man eine unentgeltliche Dienstleistung anbietet und die Werbekunden abkassiert. Ein Facebook-Freund ist 100 Dollar wert, ein hartnäckiger Googler sicher nicht weniger.

Und die Bahn hat Freunde! Gründen wir also Railbook, das Netzwerk für all jene, die sich schon immer für historische Dampfloks und Alt-Berliner Sommerfahrpläne interessiert haben, binden wir die Freunde traditioneller Wasserpumpen und dreifach spitzengelagerter Drehgestelle, bis ein neuer Goldesel entstanden ist, der sich freudig auf den Börsengang macht.

Ja, und so weiter. Die paar Leute, die trotz der neuen Bahn immer noch von A nach B müssen, können ja einfach den nächsten Flieger nehmen.

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