Matthies meint : Vater, vergib mir, ich habe gegrillt

Es ist so schnell passiert – und nie rückgängig zu machen. Nur ein Moment der Unaufmerksamkeit, und schon fliegt die Zeitung in die gelbe Tonne, der Staubsaugerbeutel ins Altpapier, die grüne Weinflasche in den Weißglascontainer. Das drückt aufs Gewissen. Dann fragt uns ein guter Freund, ob wir denn für den Mauritiusurlaub Kohlendioxid-Zertifikate erworben haben, wir schweigen betreten, flunkern ein wenig – ultrapeinlich!

Neun von zehn Leuten haben ein schlechtes Gewissen wegen ihres Umgangs mit Natur und Klima, das hat jetzt eine englische Umfrage ergeben, und es ist sicher kein Zufall, dass dieses schöne Land jetzt auch ein Gegenmittel anbietet. Genauer: Anthony Sutch, ein Benediktinermönch, tut es. Er nimmt am Wochenende im Rahmen eines Greenpeace-Festivals armen Ökosündern die Beichte ab.

„Vater, vergib mir, ich habe drei Lammkoteletts auf Holzkohle gegrillt“ – das wäre vermutlich ebenso mit dem Beten eines einzelnen Rosenkranzes zu tilgen wie der Fehleinwurf in die Grünglastonne; der Kauf eines neuen Land- Rovers mit Achtzylinder dagegen erfordert garantiert die Einschaltung des örtlich zuständigen Weihbischofs. Doch so kann der Druck von den Gläubigen genommen werden, sie werden sich ihres gottlosen, auf Gier und Neid basierenden Lebensstils bewusst und konvertieren reumütig zum besseren Leben.

Nicht dass das freudlos wäre. Die Musikanlage des Festivals zum Beispiel wird von Besuchern per Ergometer mit Strom versorgt, abbaubare Bierbecher und chemiefreie Komposttoiletten verstehen sich von selbst. Nur der Beichtvater selbst hadert noch ein wenig mit seiner Gemeinde: Die Leute mögen es nicht, wenn er sich weigert, winters die Kirche ordentlich durchzuheizen.

Immerhin ist damit die Religionswerdung des ökologischen Glaubens beschlossene Sache. Die Kirchensteuer geht vorerst an Greenpeace – oder gleich an den Klimazertifikatshändler Al Sankt Gore, der sich vermutlich gern zur Verfügung stellt, wenn die neue Kirche einen entschlossenen, charismatischen Religionsführer sucht. Noch fehlt der auslösende, mythologisch ergiebige Moment, aber das sollte nicht mehr lange dauern. Gore könnte trockenen Fußes über den Atlantik wandeln, das Sakrament der Abfalltrennung spenden und am Rande des nächsten Festivals das Wunder des CO2-freien Lebens vorführen. Bei voller Festbeleuchtung, versteht sich.

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