Matthies meint : Voll auf dem Schlauch

Ja, Benzin. Teuer! Fast so teuer wie Rotkäppchen-Sekt, um das mal in eine leicht fassbare Relation zu rücken, und geschmacklich, na ja … Sagen wir so: Kein Mensch in Deutschland würde sich auch nur einen Schluck Benzin gönnen, wenn das Zeug nicht zum Autofahren so wichtig wäre. Der Sprit für eine Fahrt Berlin– Wörthersee und zurück im Golf beispielsweise kostet derzeit so viel wie vor 30 Jahren die komplette Reise für vier Personen einschließlich Vollpension, Hüttenwanderung und Klammerblues mit Akkordeon im Partykeller.

Rund um den Benzinpreis hat sich längst auch eine Art Folklore gebildet. Dazu gehört das Phänomen, dass die unsichtbare Hand des Marktes stets exakt vor den Schulferien Preiserhöhungen erzwingt, worauf die Autofahrerorganisationen mit raffinierten Spartipps kontern. Gegenwärtig ist es beispielsweise möglich, die Benzinkosten einer Dänemarkreise dadurch extrem zu mindern, dass man in der Schweiz oder in Österreich tankt – ab einer Fahrstrecke von 10 000 Kilometern ist das Sommerhaus damit praktisch kostenlos. Leider haben sie in diesen beiden Benzinparadiesen nur sehr wenig Schläuche in der entsprechenden Länge.

Ein anderer sehr populärer Vorschlag läuft darauf hinaus, das energieverzehrende Bremsen zu vermeiden. Allerdings muss diese Maßnahme sorgfältig gegen die Kosten des jeweiligen Auffahrunfalls abgewogen werden. Am effektivsten überhaupt ist es, mit Tempo 50 im fünften Gang zu fahren – doch nur wenige Fahrer sind so nervenstark, die vor Zorn glühenden Lastwagenfahrer auf der Autobahn hinter sich zu ertragen. Ein Wohnwagen sollte übrigens nur dann mitgeführt werden, wenn auch die Absicht besteht, ihn zu benutzen; Ähnliches gilt für Dachaufbauten wie Vogelhäuser oder Kernkraftwerke.

Ja, das bringt alles nicht wirklich etwas. Die letzte Hoffnung ruht insofern auf dem Allerhöchsten, der aus unbegreiflichen Gründen zögert, wenigstens ein klares 11. Gebot zu erlassen, so etwas wie „Du sollst nicht überhöhte Spritrechnung ablegen gegen deinen Kunden“. Um das zu ändern, hat sich jetzt in Amerika die Bewegung „Prayer at the pump“ gebildet, Leute, die an der Zapfsäule für billigen Sprit beten. „Der Benzinpreis wird fallen wie die Mauern von Jericho“, sagen sie, und vermutlich schwebt ihnen eine Betankung der 5000 aus einem einzigen Kanister vor.

Könnte klappen, die Zeit wäre reif. Doch selbst wenn ER mitspielt, haben wir immer noch das Problem mit der Mineralölsteuer. Und unser Finanzminister stellt sich bei Benzingebeten garantiert taub.

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