Matthies meint : Vom Kevinismus zu Schantall

Das Phänomen wird in der soziologischen Literatur als Kevinismus oder auch Chantalismus behandelt – die krankhafte Unfähigkeit, dem Nachwuchs angemessene Namen zu geben.

Bernd Matthies

„Kevin ist kein Name, sondern eine Diagnose“, sagt ein Grundschullehrer, der jetzt im Rahmen einer Master-Arbeit zu den Folgen dieses Syndroms befragt wurde. 94 Prozent der Befragten gaben zu Protokoll, dass sie Kinder mit kevinistischen Namen wie Chantal, Marvin oder Jaquelin, vor allem aber Kevins selbst, für verhaltensauffällig und leistungsschwach halten.

Ist das gerecht? Werden unsere Kevins am Ende deshalb auch schlechter bewertet? Dieser Teil der Forschungsarbeit steht noch aus. Lehrer geben ihren Kindern meist andere Namen, und so ist es kein Wunder, dass Alexander, Simon, Nele und Katharina in ihren Augen das Zeug zum Klassenprimus haben.

Doch Kevinisten und Lehrer sind sozusagen die Extrempositionen, zwischen denen sich eine Vielzahl anderer Gruppen bewegt, die eine ganz eigene, soziologisch noch unbesungene Kultur pflegen. Beispielsweise die Ikeaner, die ihren Kindern Namen von Deckenflutern oder Brotkästen aus dem Katalog geben, woraufhin diese Kinder dann Lasse, Bosse oder Rørvik heißen.

Ebenso verheerend wirken sich Schauspieler auf das allgemeine Namensniveau aus. Die Zukunft von Jimi Blue Ochsenknecht und Knox Leon Pitt-Jolie sieht nur deshalb ein wenig rosiger aus, weil sie vermutlich von einem Privatlehrer versorgt werden, bevor sie direkt nach dem Hauptschulabschluss die vorgezeichnete Rapper- und Skateboardfahrerkarriere anstreben. Von dort aus geben sie dann ihre Vornamen an neue Generationen weiter, eine verhängnisvolle Steigerung des Kevinismus.

Aus Neuköllner Sicht ist die Sache ohnehin einfacher. Denn wo es in kompletten Grundschulklassen nur noch Ayses, Hüseyins und Mohammads gibt, können Lehrervorurteile nicht mehr wirksam werden, dann werden alle Kinder von Anfang an erst einmal als gleich klug oder doof eingeschätzt. Eine grundsätzliche Umdeutung ist erst zu erwarten, wenn Schantall und Schakkeline das Lehrerexamen absolvieren. Dann können sie zumindest dafür sorgen, dass ihre Vornamen richtig ausgesprochen werden.

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