Matthies meint : Vom Parteifieber geschüttelt

Lange haben wir uns gefragt, was eigentlich mit der Linkspartei los ist. Sie lag so kraftlos da nach der Wahl, schnaufte ab und zu leise und roch ein wenig schwitzig, wenn man näher herantrat. Viele politische Freunde machten sich Sorgen: Ob man die schlappe Linke eventuell mal zum Politologen schicken sollte?

Nun hat Lothar Bisky, der Chef, selbst die Diagnose erstellt. Die Linkspartei, sagt er, sei von „ideologischer Schweinegrippe“ befallen. Wichtigstes Symptom dieser neuen Krankheit (H1PDS1) sind laut Bisky fieberhafte Führungsdebatten, die nur dem Gegner nutzen; leider führt er das Thema nicht weiter aus. Deshalb lässt sich von hier aus nur vermuten, dass auch Gedächtnisschwund und urplötzlich auftretende Verschwendungssucht Zeichen einer Infektion sein können.

Aber was ist der Hintergrund einer ideologischen Schweinegrippe? Sind die befallenen Schweine eher im stalinistisch-nostalgischen Sektor der Partei anzusiedeln oder wälzen sie sich eher im Koben des linkssozialdemokratischen Milieus? Und bedeutet ideologisch, dass weniger die unmittelbaren Körperfunktionen betroffen sind als das politische Orientierungsvermögen, dass also der Patient plötzlich von Staatsferne und Senkung des Spitzensteuersatzes fantasiert und Bücher von Hans-Olaf Henkel verschenkt? Ein tödlicher Identitätsverlust wäre die unabwendbare Folge.

Überhaupt ist wenig bekannt über das Ansteckungspotenzial dieser Krankheit. Trifft sie nur komplette Linksparteien, deren ideologische Immunabwehr Lücken aufweist, oder kann sich auch ein wankelmütiger junger Christdemokrat infizieren, der ohne Mundschutz im politischen Raum herumläuft?

Immerhin scheint es sich um eine heilbare Krankheit zu handeln. Ein fünfprozentiger Aufguss von getrockneten Luxemburg-Zitaten, schön lau mit etwas Pulver von der Marx-Engels-Trompete und ein paar Tropfen Gysiwurzel, dreimal parteitäglich vor dem Reden eingenommen – und schon sinkt das Fieber und die Ideologie kehrt zurück.

Eine Schutzimpfung ist dagegen noch in weiter Ferne. Und niemand denkt daran, eine Mauer zu errichten, um die fiesen Viren aus der Partei auszusperren.

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