Matthies meint : Was der Weihnachtsmann alles kann

Wir mögen das G-Wort ja kaum noch hören. Alles kommt auf der globalisierten Welt von überall, und es wird sich niemand mehr wundern, wenn demnächst Billigbriefträger aus Kirgistan die deutsche Behördenpost zum halben Mindestlohn austragen. Denn diese Post wird ja vermutlich irgendwo dort draußen auch schon zugeklebt und frankiert, um kostbare deutsche Verwaltungsoberamtsratszeit einzusparen.

Die Wahl Kirgistans ist hier übrigens keine Willkür, denn dieses entlegene zentralasiatische Land hat sich durch eine logistische Glanzleistung für den deutschen Job qualifiziert: Nach einer Studie einer schwedischen Unternehmensberatung ist dort die Zentrale des Weihnachtsmanns angesiedelt. Es heißt darin, nur von Kirgistan aus sei es möglich, innerhalb von 48 Stunden mit einem Rentierschlitten 2,5 Millionen Haushalte zu besuchen.

Die kirgisischen Behörden haben die Suche am gestrigen Montag offiziell aufgenommen und für überzeugende sachdienliche Hinweise reichlich Geschenke versprochen. Allerdings fahnden sie nach „Väterchen Frost“, was aus dem Blickwinkel der christlichen Weihnachtsmanntradition einigermaßen alarmierend klingt: Möglicherweise zerren sie mitten in der Hochsaison einen mürrischen alten Mann aus den Wäldern, der den Reportern dann in den Block diktiert, er stehe in der atheistischen Tradition des wissenschaftlichen Sozialismus und trachte nach Planerfüllung statt nach seelenlos kapitalistischem Mehrwert wie der Kollege drüben in Kanada.

Dann haben wir nämlich zwei Weihnachtsmann-Lager, als da wären: ein sozialistisches, das mit seinen traditionellen Geschenken nur noch in Kuba, Venezuela und Nordkorea landen darf, und ein kapitalistisches, das seine Arbeit längst outgesourct hat, eine schnöde Weihnachtsfreude-Holding, die ihre Pakete von Amazon austragen lässt, alle Kreditkarten akzeptiert und Bonuspunkte für Vielbesteller vergibt. Der Weihnachtsmann, ein Chief Executive Officer im Dienste globaler Geschenk-Heuschrecken?

Immerhin: Da ist Potenzial verborgen. 2,5 Millionen Haushalte in 48 Stunden, ohne dass der Schlitten verglüht? Das spricht für enormes logistisches Können. Solche Leute könnten an den restlichen 363 Tagen des Jahres locker die Briefzustellung in Deutschland übernehmen. Wir würden ihnen ohne Bedenken pro Stunde mindestens zehn Euro zahlen.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar