Matthies meint : Weltmacht am Kleiderschrank

Bernd Matthies

Die prägnanteste Schlagzeile zum Thema, das müssen wir neidlos eingestehen, kam gestern eindeutig vom Berliner Kurier. „Darf Deutschland sich damit brüsten?“, hieß es zum Auftritt der Kanzlerin in ihrem tief geschnittenen Abendkleid. Da ist alles drin, lecker Voyeurismus, der vage Hauch der Empörung à la „Bilder, die wir nie wieder sehen wollen“ – und vor allem: Deutschland. Deutschland im Sinne von: wir alle.

Denn, nicht wahr, wir sind seit drei Jahren Papst, da war langsam die nächsthöhere Stufe fällig. Nun, so scheint es, sind wir Merkels Dekolleté. Deutschland, also wir alle, haben der Welt die Botschaft übermittelt: Hallo, nach den dürren Jahrzehnten der Nachkriegszeit, nach den in tonnenförmige Zweireiher gekleideten Machthabern der Edelfresswelle, nach einem Regierungschef, der sich nicht einmal die Haare zu färben traute, kommt nun die unverblümte, üppige Wahrheit: Wir sind wer, und wir brüsten uns damit.

Analytiker werden später vermutlich belegen können, dass dieser Merkel-Auftritt der erste Schritt zum ständigen Sitz Deutschlands im Weltsicherheitsrat war. Unabsichtlich! Denn das Schöne an der Affäre ist ja: Man möchte der Kanzlerin durchaus glauben, dass sie das nicht gewollt hat. In den königlich bürokratischen Worten des stellvertretenden Regierungssprechers handelte es sich um eine „Neukomposition, ein Neuarrangement aus dem Bestand der Bundeskanzlerin“. Und der Wirbel habe nicht in ihrem Interesse gelegen.

Die reine Wahrheit. „Nimm doch mal wieder das schwarze Kleid“, wird Gemahl Joachim gesagt haben, und sie hat geantwortet: „Achim, hör mal, der Termin ist in Norwegen, da ist es saukalt!“ Dann hat er gekontert: „Angela, echt! Die haben massenhaft Öl da oben, und sie heizen damit.“ Na, dann kam die petrolfarbene Stola als Kompromiss ins Gespräch, und alles wurde gut. Abgeschlagen, vernichtet: Carla Bruni-Sarkozy sowie Gabriele Pauli, die nun doch nicht die Absicht gehabt haben will, mal was Gemeines über die CSU-Macker und ihre Tölpelhaftigkeit aufzuschreiben.

Überhaupt, Männer: Was haben wir dieser versehentlichen Offensive einer Kanzlerin, die nichts falsch machen kann, noch entgegenzusetzen? Oskar Lafontaine hat sich soeben dazu verstiegen, die Wiedereinführung des Kommunismus zu fordern, vorerst wenigstens der schönsten Stellen darin. Ein echtes Pfund. Und was passiert? Grummel, brummel, der schon wieder, kennen wir ja. Hätte er ein Abendkleid mit tiefem Dekolleté … Na, damit brüstet sich Deutschland doch wohl lieber vorerst nicht.

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