Matthies meint : Wenn Gurken Sicherungen tragen

Harte Worte, immer wieder. Politik, das sagen uns die Parteienforscher jeden Tag im Fernsehen, ist kein Streichelzoo. Dennoch marschieren allerhand Tiere im Alltagsgeschäft herum, beispielsweise die von der CSU so meisterhaft dargestellte Wildsau. Und auch die Kanzlerin, die bislang noch als „Mutti“ nur mild verspottet wurde, macht gerade einen drastischen Imagewandel durch: Sie gilt den Landesverbänden der FDP nur noch als „Schwarze Witwe“. Die damit verbundene Vorstellung besagt, dass sie ihren gerade frisch angeheirateten Partner, die Freie Demokratische Partei nämlich, nach der Paarung tötet und bis auf die letzten fünf Prozent aussaugt.

Die Gegenwehr der CSU klang vergleichsweise hilflos. Generalsekretär Dobrindt verharrte bei Gemüseinjurien und nannte die FDP eine „Gurkentruppe, der die Sicherungen durchgeknallt sind“. Die Gurkensicherung? Jeder Heimwerker weiß, dass alles schlagartig dunkel und still wird, wenn eine Sicherung durchknallt – diesen Eindruck vermittelt die FDP eher nicht. Und wäre sie nicht mit dem bösen Vorwurf, ein Kartoffelhaufen oder eine Spargelgang zu sein, viel härter getroffen worden?

Allerdings hat nun die Fußball-WM begonnen, und deren Aura befriedet sogar ärgsten Koalitionskrach. Innenminister de Maizière hat sofort Unterschlupf in der Sportmetaphorik gesucht und teilt den verfeindeten Aktivisten nun mit, es gebe im Sport den schönen Satz, „wenn es irgendwie schwierig wird, dann wischt man sich die Spucke ab und guckt nach vorn und spielt weiter“. Spucke abwischen? Wo kommt die her? Wo fliegt sie hin? Und verstärkt dieses irgendwie lamahafte Bild nicht die allgemeine Gurkenverdrossenheit?

In Agenturmeldungen heißt es bereits, die Kanzlerin habe sich damit begnügt, zur gegenseitigen Fairness zu mahnen, „anstatt die Spielführer-Binde anzulegen“. Hier wird bereits deutlich, dass die Sprachbilder nur sehr schwer zusammenpassen, denn eine Schwarze Witwe mit Spielführer-Binde sähe zweifellos doof aus, und es ist auch nur schwer vorstellbar, dass sich eine Wildsau von ihr beeindrucken ließe. Ist nicht eher eine Schiedsrichterin gefragt?

Ah, bei der Gelegenheit: Der aktuelle Internet-Hit zur Fußball-WM stammt von der Kölner Band „Basta“: „Gimme hope, Joachim“. Bevor die Hoffnungsträger der Koalition allzu freudig einstimmen, sollten sie daran denken, dass das Lied irgendwie auch zur Bundespräsidentenwahl passt.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben