Matthies meint : Wieder nichts mit Paradies

Wer den Leuten ordentlich das Blaue vom Himmel herunter versprechen will, der darf keinerlei Einschränkungen dulden. Unsere Religionsstifter beispielsweise haben ihren Jüngern in aller Regel ein Paradies mit Milch und Honig in Strömen (und gegebenenfalls 72 Jungfrauen pro Kopf) in Aussicht gestellt; das hat viel zu ihrem Erfolg beigetragen. Hätten sie jedes Mal hinzugefügt, äh, Leute, aber nur, wenn wir das Zeug zum gegebenen Zeitpunkt auch bezahlen können, die Jungfrauenpreise steigen gerade wie verrückt und die Bienen schwärmen auch nicht so richtig – dann wäre es wohl nie was geworden mit religiösen Massenbewegungen, Kreuzzügen, Dombauten und solchen Sachen.

In der Politik ist das heute anders. Der Kenner der politischen Feinmechanik spricht von Finanzierungsvorbehalt. Das heißt: Vor einer Wahl werden die wildesten Versprechungen gemacht. Doch nur allernaivste Wähler nehmen das zum Nennwert und machen schon mal den Kühlschrank für Milch und Honig frei, denn sie wissen, dass der Finanzierungsvorbehalt genauso sicher im Kleingedruckten steht wie die Hintertür im Versicherungsvertrag. Wenn es nämlich in die Koalitionsverhandlungen geht, dann ist selbstredend für keins der Wahlversprechen mehr Geld da. So auch aktuell, zur Halbzeit der Verhandlungen zwischen CDU/CSU und SPD. 72 Jungfrauen … Verzeihung, Politiker und -innen haken zäh Spiegelstrich um Spiegelstrich ab, getreu den fünf Phasen der Koalitionsbildung: Nichtwahrhabenwollen – Zorn – Verhandeln – Depression – Akzeptanz.

Was da zur Adventszeit auf uns zukommen wird, ist also die Phase der Depression. Ein gigantischer Finanzierungsvorbehalt schwebt über der Koalition, keiner hat Spaß an der Sache, die SPD muss sogar ihren Mitgliedern klarmachen, dass sie, wie man in Amerika sagen würde, aus einem Schweineohr kein Seidentäschchen machen konnte. Aber die Zeit drängt, die Kanzlerin möchte durchatmen, ein paar Kerzen anzünden, die Tüte mit den Marzipankartoffeln öffnen … Uns ist ja so elend, sagen alle, lasst uns unterschreiben, sonst wird alles noch schlimmer.

Und bitte, sofort nach Neujahr beginnt dann die Phase der Akzeptanz. Die Ressorts sind zugeschnitten, die Formelkompromisse festgezurrt, die Personaltableaus ausbalanciert. Dann wird gemacht, solange das Geld reicht. Ein ordentliches Paradies lässt sich so allerdings nicht zusammenregieren. Aber das sind wir ja gewohnt.

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