Matthies meint : Zwei Männer und ihre Hände

Das Seltsame an der Wulff-Affäre ist die subtile Art, in der sie unser Privatleben zu kontaminieren beginnt. Nehmen wir nur einmal an, wir wollten mit Freunden kochen, ganz unschuldig, wie früher. Aber, zack, steht das Zitat im Raum, und wir denken: Möchten wir in einer Republik leben, in der alle zuerst an den Bundespräsidenten denken, bevor die Lasagne in den Ofen kommt? Wie würde Christian Wulff reagieren, wenn er hinsichtlich der Bratzeit einer Scholle abweichender Auffassung ist? Eine Mitteilung auf der Mailbox hinterlassen? Den Compliance-Beauftragten antraben lassen?

Im Geldverkehr sieht es nicht viel anders aus. Jahre, ach was: Jahrzehnte haben wir uns mit dem Gefühl zufriedengegeben, dass der Dispo eine zwar lästige, aber doch irgendwie unausweichliche Begleiterscheinung des bürgerlichen Lebens sei, der Rubikon zwischen dem Besser- und dem Gutverdiener. Nun erfahren wir: Es gibt dort draußen bei den Banken den „rollierenden Geldmarktkredit“, eine segensreiche Einrichtung, die sich den Wünschen des Bankkunden anpasst wie ein Handschuh – also exakt das verkörpert, was uns die Banken in den TV-Spots immer nur vorlügen. Rollierend! Klingt für mich irgendwie nach dicken, satten Katzen, viel flauschiger als „Dispo“.

Es existiert also, das richtige Leben im falschen, nur ist es furchtbar schwer, hineinzukommen. Es reicht eben nicht, hektisch zwischen Twitter und Facebook und Google plus nach Kontakten zu suchen, weil all diesen Kommunikationsformen das Wichtigste fehlt: die Handschlagqualität. Sie ist, darauf hat Wulff hingewiesen, das Bindemittel echter Geschäfte. Keine 20 Kopien, kein Sekretariat, kein Mitternachtsnotar, nur zwei Männer und ihre Hände, die sie ineinander fest verschränken zum Zeichen, dass alles gut sei.

Überraschenderweise, so haben wir weiter gelernt, geht das sogar telefonisch und unterscheidet das Sinnbild stark von der Faustschlagqualität, die den unmittelbaren Kontakt zwingend voraussetzt und auf Dissens, wenn nicht gar Zank hinausläuft. Dann nämlich herrschte Krieg, dann befänden wir uns in Stahlgewittern – anhaltenden Leiden in den Schützengräben, aber auch einem Vorgang der Grundreinigung.

Der Präsident hat das Wort „Stahlgewitter“ für seine Lage gewählt und die Hoffnung geäußert, das sei in einem Jahr vergessen. Der Erste Weltkrieg war etwas länger. Aber ist er je bis Großburgwedel vorgedrungen? Dort kochen sie immer nur, mit Freunden.

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