Zeitung Heute : Mauern von gestern

Caitlin ist Katholikin – und bei der Polizei. Früher kaum denkbar in Nordirland. Menschen wie sie verkörpern den politischen Wandel

Markus Hesselmann[Belfast]

Caitlins Polizeikarriere beginnt mit einem fürchterlichen Knall. Die junge Nordirin freut sich auf ihr Praktikum. Sie will Polizistin werden, das war ihr Traum schon als Kind. Ihr Onkel, ein Polizist, ist ihr großes Vorbild. Jetzt darf Caitlin zum ersten Mal selbst dabei sein, Erfahrungen sammeln auf der Wache. Dann kommt die Nachricht aus London: Die Irisch Republikanische Armee hat in den Docklands eine Bombe hochgehen lassen. Zwei Tote, mehr als 100 Verletzte, das neue Geschäfts- und Bankenviertel ein Trümmerfeld.

Caitlin empfindet das, was im Jahr 1996 gut 500 Kilometer von Nordirland entfernt geschieht, fast wie einen persönlichen Angriff. Jetzt fange ich bei der Polizei an, und dann passiert das. Denn es gibt da ein ganz spezielles Problem: Caitlin ist katholisch. Für ihre Leute ist die nordirische Polizei der Feind. Ein paramilitärischer Arm der britisch-protestantischen Besatzungsmacht. Mit denen darfst du dich nicht einlassen, haben Caitlins Freunde gesagt. Sie will trotzdem zur Polizei. Sie setzt sich durch. Und dann haben die katholischen Terroristen nichts Besseres zu tun, als das halbe Londoner East End in die Luft zu jagen. Der Waffenstillstand ist beendet. Caitlins Praktikum beginnt.

Heute kann Caitlin lächeln, wenn sie von den Ereignissen vor elf Jahren erzählt. Heute ist Nordirland anders. Die IRA bombt nicht mehr, Katholiken und Protestanten wollen sich die Macht in einer gemeinsamen Regierung teilen – und die Polizei wirbt um katholische Rekruten. Als Caitlin ihr Praktikum begann, waren weniger als zehn Prozent der nordirischen Polizisten katholisch. Heute sind es über 20 Prozent. Das Ziel ist klar formuliert: 50/50.

Doch die Zeiten sind auch jetzt noch nicht so, dass eine katholische, nordirische Polizistin mit vollem Namen in der Zeitung stehen und über ihre Arbeit berichten kann. Auch wenn sie noch keine offenen Anfeindungen bei ihrer Arbeit erlebt hat. Da draußen sind immer noch zu viele Knallköpfe unterwegs, denen der Frieden nicht passt. Deshalb heißt Caitlin in Wirklichkeit gar nicht Caitlin. Und auch der Ort, an dem sie Dienst tut, soll hier nicht interessieren.

Der Ort unseres Gesprächs ist das Hauptquartier der nordirischen Polizei in Belfast. Zwei Meter hohe Stahlwände umfassen das parkähnliche Gelände, überkront mit kilometerlangen Spiralen aus Stacheldraht. Wer das Zeug herstellt, hat in den letzten Jahrzehnten gute Geschäfte gemacht. Das ist nun vorbei. Im Belfaster Frühling wird abgerüstet. Nordirische Polizeistationen sollen bald aussehen wie normale westeuropäische Wachen, nicht mehr wie Hochsicherheitstrakte.

Es ist hektisch an Caitlins erstem Praktikumstag. „Die Kollegen irrten in der Wache herum und suchten ihre schusssicheren Westen“, erzählt sie. 17 Monate hatte der Waffenstillstand damals gedauert. Die Polizisten hatten auf ein Ende der Anschläge gehofft. Jetzt müssen sie wieder auf alles gefasst sein. 289 Kollegen sind insgesamt von Terroristen getötet worden, fast alle von der IRA. Die Attentäter suchen sich Polizisten als Opfer aus. Die IRA hält die Vertreter der Staatsmacht für legitime Ziele. In der Kantine erstirbt jedes Gespräch, als im Radio die Nachrichten aus London laufen.

Doch die Anspannung hält sich nicht lange. Caitlin beeindruckt, wie schnell die Polizisten zum Alltag zurückkehren und sich wieder auf ihren Dienst konzentrieren. Sie strahlen Sicherheit aus. Die Praktikantin fühlt sich zu Hause. Sie stellt fest: In der alltäglichen Arbeit spielt die Konfession keine Rolle. Verkehrsunfälle, häusliche Gewalt oder Kneipenschlägereien kommen bei Katholiken und Protestanten vor.

Normalität heißt nicht Langeweile. „Deshalb wollte ich ja zur Polizei“, sagt Caitlin. „Ich wollte mich auf keinen Fall langweilen.“ Ihr Interesse erwuchs aber auch aus kindlichem Trotz. „In der Schule habe ich neben einem protestantischen Jungen gesessen.“ Sie erzählte ihm von ihrem Onkel, ihrem großen Vorbild, dem Polizisten. Das will ich auch, sagte sie stolz. Bei unserer Polizei habt ihr Katholiken nichts zu suchen, sagte der Junge. Wart’s ab, dachte sich Caitlin.

Caitlin will es allen zeigen. Auch den eigenen Leuten. Wenn katholische Nordiren Opfer eines Verbrechens werden, denken sie zweimal nach, bevor sie zur Polizei gehen. Der Verdacht, dass Polizisten mit protestantischen Terroristen gemeinsame Sache machen, ist allgegenwärtig. Aber auch die Angst, in der eigenen Gemeinde als Verräter dazustehen. „Mir kam das immer schrecklich vor“, sagt Caitlin. „Da geschieht ein Verbrechen und die Opfer trauen sich nicht, zur Polizei zu gehen. An wen soll man sich in der Not denn sonst wenden?“

Caitlin ist hartnäckig. Nach Schule, Praktikum und Studium bewirbt sie sich mehrere Male bei der Polizei. Dass sie es nicht auf Anhieb schafft, hat nichts damit zu tun, dass sie katholisch ist. Sie hatte damals gesundheitliche Probleme. Caitlin macht auch noch ihren Master in Jura und wiederholt die medizinischen Aufnahmetests, bis es schließlich klappt. Seit zwei Jahren ist sie jetzt dabei. Caitlin arbeitet bei der Neighbourhood Police, mitten im Kiez, würde man in Berlin sagen. „Ich habe den Kontakt zu den Menschen“, sagt Caitlin. „Genau deshalb bin ich zur Polizei gegangen.“

Sie erlebt eine Zeit des politischen Wandels. Ob ein Kollege in die katholische oder die protestantische Kirche geht – wenn überhaupt –, ist inzwischen noch weniger wichtig als vor elf Jahren, in der Zeit ihres Praktikums. Auch Caitlins Freunde und Verwandte sind inzwischen stolz auf ihre Polizistin. Bei der alltäglichen Arbeit gibt es ohnehin keine Probleme. „Wenn man zu einem Verkehrsunfall kommt und den Leuten hilft, dann fragen die nicht, ob man Protestant ist oder Katholik.“

Die Hassprediger von gestern stellen die Regierung von heute. Gerry Adams, Chef der Partei Sinn Fein, einst politischer Arm der IRA, sitzt an einem Tisch mit Ian Paisley, dem Führer der protestantischen Hardliner. Jahrzehntelang kämpften die einen mit allen Mitteln für Nordirlands Vereinigung mit der Republik Irland. Die anderen klammerten sich mit aller Macht an den Verbleib im Vereinigten Königreich. Der Streit geht bis ins 16. Jahrhundert zurück, als 40 000 protestantische Siedler aus England und Schottland den Norden des katholischen Irland kolonialisierten. Diese historische Kluft wird wohl so schnell nicht überwunden. Über 3000 Menschen starben seit den 70er Jahren in diesem Konflikt. Trotzdem machen die harten Männer jetzt Frieden. Anfang Mai soll Nordirland wieder eine eigene regionale Regierung bekommen. Die Wahl im März gab Paisley und Adams dafür ein klares Mandat.

Einer der strittigsten Punkte zwischen Nordirlands Konfliktparteien war immer die Polizei. Paisleys Protestanten forderten von Sinn Fein, endlich das staatliche Gewaltmonopol offiziell anzuerkennen. Noch nach dem Mord der IRA an Robert McCartney vor zwei Jahren erging sich Gerry Adams im Ungefähren. Zeugen sollten sich an Menschen ihres Vertrauens wenden, sagte der Sinn-Fein-Chef. Damit meinte er die Angehörigen McCartneys, die Kirche – und natürlich Sinn Fein. Der Fall McCartney ist bis heute nicht aufgeklärt, obwohl seine Schwestern in einer internationalen Kampagne dafür kämpften. Mutig legten sie sich dabei auch mit Gerry Adams an.

Einige Wochen vor der Wahl rang sich Sinn Fein schließlich zu einer offiziellen Anerkennung der Polizei durch. Gleichzeitig hat eine unabhängige Kommission erstmals untersucht, ob nordirische Polizisten tatsächlich protestantische Terroristen gedeckt haben. Die Ergebnisse bestätigten den Verdacht. Das Thema ist kein Tabu mehr im neuen Nordirland. Die Aufarbeitung der blutigen Vergangenheit kann beginnen.

Menschen wie Caitlin verkörpern das neue Nordirland. Sie haben die Zäune und Mauern zwischen den Konfessionen überwunden. Doch Caitlin sieht das alles sehr nüchtern. „Ich wäre auch Polizistin geworden, wenn es keinen Frieden gegeben hätte“, sagt sie. Empfand sie als Pionierin kein bisschen Genugtuung, als sich abzeichnete, dass die Politiker es diesmal wirklich ernst meinen? „Es war eher ein Gefühl der Müdigkeit. Nun macht schon, haben die Menschen in Nordirland gedacht, kommt endlich zu Potte. Wir sind längst so weit.“

Am Tag der Wahl, die Nordirland verändern sollte, schiebt die Polizistin Caitlin mit ihren Kollegen Dienst vor einem Wahllokal. Zur Sicherheit, in der Vergangenheit hatte es zu solchen Anlässen immer wieder Unruhen gegeben. Diesmal ist alles anders. Aber Unruhe gibt es auch. „Wir mussten unseren Posten bald verlassen“, erzählt Caitlin. „Es gab Ärger. Wir wurden zu einem Streit gerufen.“ Eine ganz normale Auseinandersetzung unter Nachbarn, die mit Politik oder Religion nichts zu tun hat. Es ist Alltag in Nordirland, endlich Alltag.

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