Zeitung Heute : Maul- und Klauenseuche: Ferkeleien an der Grenze

Silke Becker

Es sind noch die Wagenspuren zu sehen. Im frisch gewachsenen Frühlingsgras und im Matsch neben der Straße. Sie zeigen deutlich, wie Autofahrer einfach um die Sperren herumgefahren sind, ein Stück über die Wiese und hinweg über die deutsch-niederländische Grenze.

Es fällt schwer, sich vorzustellen, dass genau hier eine Staatsgrenze verläuft. Irgendwo auf den grünen Wiesen zwischen den Höfen, die hier auf beiden Seiten gleich aussehen. Rote Klinkerbauten, auf einigen Terrassen stehen schon die weißen Plastikgartenmöbel, alle haben gelbe und blaue Stiefmütterchen in Kübel gepflanzt. Manche der Häuser sind nur zehn Meter voneinander entfernt, das eine auf der deutschen, das andere auf der holländischen Seite. Stünden da nicht das blaue Schild mit den gelben EU-Sternen und das alte Wachhäuschen mit den beschlagenen Fensterscheiben, niemand würde die Grenze bemerken.

Zum Thema Chronologie: Der jüngste Ausbruch der Maul- und Klauenseuche in Europa Aber jetzt ist sie wieder da. Hier in Zwillbrock kommt jedenfalls keiner mehr durch. Nachdem am vergangenen Samstag einfach Autofahrer um die Sperren herumgefahren waren, haben die Bauern Radau geschlagen. Der Bundesgrenzschutz stellte weitere Absperrgitter auf, und davor wurden Betonringe gelegt, bis oben hin gefüllt mit Erde, damit niemand sie wegschieben kann.

Der Bauer Ludwig Reirink wohnt an der Grenze zu Holland, so nahe, sagt er, "dass ich rüberpinkeln kann". Manchmal weiß der 50-jährige Bauer und Gastwirt in diesen Tagen nicht mehr, was größer ist, seine Wut, weil die Grenzen nicht wirklich dicht sind und alles so "murkelig läuft", oder seine Angst, dass hier bald nichts mehr geht. So wie in Holland.

Es dreht sich alles in seinem Kopf: Wann wird die Seuche ausbrechen? Wo genau wird es passieren? Werden sie es schnell genug erfahren, damit sie sich nicht weiter ausbreiten kann? Und manchmal sagt ihm seine innere Stimme schon, dass es längst irgendwo passiert ist, und ein Bauer nur noch seine Tiere versteckt hält. Er hofft natürlich, dass niemand sich so töricht verhält. Eigentlich glaubt er sowieso, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis sie hier die Maul- und Klauenseuche haben. Denn wenn sie ausbricht, dann wahrscheinlich in dieser Gegend. Das westliche Münsterland gehört zu den Gebieten mit der höchsten Tierdichte in Deutschland. Und dann diese Nähe zu Holland. Keine 30 Kilometer Luftlinie entfernt wütet auf den niederländischen Höfen die Seuche.

Ludwig Reirink sitzt jetzt in seiner Wirtsstube vor Kaffee und Zwieback; Bier fließt bei ihm nur Sonntagmorgen nach der Kirche. Hin und wieder schlurft seine achtzigjährige Mutter durch den Raum und grüßt jedesmal aufs Neue freundlich. Als sie morgens am Telefon gefragt wurde, ob denn der Sohn ein Handy bei sich habe, sagte sie unwirsch: "Wat ist dat denn?" Die alte Frau ist ein bisschen verwirrt. Aber der 50-jährige Sohn kann sie noch gut alleine lassen. Aber von der Maul- und Klauenseuche bekommt sie nichts mehr mit. Ein Segen. Sie würde sich nur Sorgen machen, so wie er.

Wovor sie jetzt alle am meisten Angst haben, sind die illegalen Transporte. Dass die holländischen Bauern einfach ihre Ferkel auf den Wagen laden und sie nach Deutschland bringen. Bis vor ein paar Wochen waren diese Transporte hier jeden Tag üblich. Die Landwirtschaft ist hoch industrialisiert. Alle haben sich spezialisiert. Es gibt Ferkelbauern, Züchter und Mäster, viele mit riesigen Ställen und mit wenig Land rundherum. Sie haben sich immer gegenseitig ihre Tiere abgenommen. Doch seit die Maul- und Klauenseuche ausgebrochen ist, gibt es ein "Verbringungsverbot", und die Tiere dürfen nicht mehr nach Deutschland gekarrt werden. Wer jetzt noch fährt, kann es nur illegal machen.

"Wir sind alle bestechlich"

Die deutschen Bauern wissen, wie es den holländischen Kollegen geht, die vor ihren vollen Ställen stehen, in denen der Platz enger wird und immer mehr Ferkel geboren werden. Reirink und viele andere, mit denen man hier spricht, würde es jedenfalls nicht wundern, wenn der eine oder andere Bauer jetzt versuchte, noch etwas Geld zu machen. In Holland sind die Ferkel längst nichts mehr wert, und in Deutschland bekommt man dafür noch 150 Mark. Dabei will Reirink jetzt gar nicht alle holländischen Bauern verdächtigen, aber er ist sich sicher, dass einige dabei sind, die sich vom Geld verführen lassen. "Wir sind doch alle bestechlich", sagt er.

Noch schlimmer findet er allerdings die Deutschen, die jetzt die Tiere billig kaufen und ein Geschäft wittern. Die Sorge vor solchen Transporten ist immerhin so verbreitet, dass selbst der westfälisch-lippische Landwirtschaftsverband die Bauern warnt, keine Tiere aus Holland zu kaufen.

Es muss regelmäßig illegale Transporte geben, erzählen jetzt jedenfalls viele. Reirink zum Beispiel hat gehört, dass vor ein paar Tagen ein Möbelwagen an der Grenze bei Gronau stand. Bundesgrenzschutzbeamte dachten, darin sei das, was darauf stand, nämlich Möbel. Aber als der Wagen anfuhr, tropfte hinten von der Ladefläche Flüssigkeit. Man hatte den Wagen mit Torf ausgelegt, und darauf standen lauter winzige Ferkel.

Es kursieren jetzt viele solche Geschichten: etwa, dass Ferkel im Kofferraum über die Grenzen gebracht, dass sie in Wohnwagen transportiert werden. Bei der zuständigen Grenzschutzinspektion in Kleve, sagt Pressesprecher Udo van Dülmen, dass seit dem Ausbruch der Seuche in Holland bis gestern abend 57 illegale Transporte abgewiesen wurden. Es waren Lastwagen mit lebenden Tieren, manchmal mit Frischfleisch. Ludwig Reirink erinnert das an die Zeiten des Eisernen Vorhangs: Ein paar werden erwischt, ein paar kommen durch. Manchmal sind es auch ganz normale Viehtransporter, die abends fahren, wenn sie glauben, dass niemand sie beobachtet.

Einen solchen Transport gab es vor zehn Tagen in Gaxel, einem der vielen kleinen Grenzübergänge in der Gegend. Aber als der herüberfuhr, stand ein Bauer hinter seinem Fenster und traute seinen Augen nicht. Und so wurde der Fall in Gaxel zum Auslöser: Jetzt, dachten die Bauern, müssen wir etwas tun. Ludwig Reirink erinnert sich noch genau, wie er morgens vom Landwirtschaftlichen Kreisverband in Borken angerufen wurde: "Wir sperren jetzt selbst." An dem Abend legten die Bauern dann Baumstämme über einige Grenzübergänge, schütteten Sandhügel auf und stellten Trecker in den Weg. Viele waren stolz auf diese Aktion. Und sie sagten, es sei ihr Verdienst, dass die Grenzen jetzt besser kontrolliert würden. Trotzdem sind einige immer noch unzufrieden, es gebe auch jetzt zu viele Schlupflöcher. Bei der Bundesgrenzschutzinspektion in Kleve hält Pressesprecher van Dülmen dagegen: Man sei "mit dem höchstmöglichen Personal an der Grenze".

Bei Reirink vor dem Fenster fährt jetzt wieder einer der schweren Laster vorbei. "Der kommt nicht weit", sagt der Bauer. Es ärgert ihn, dass nicht schon Kilometer vor dem Ort darauf hingewiesen wird, dass hier die Grenze dicht ist. Symptomatisch sei das, meint er, für die ganze schlechte Organisation. Er dreht die Kaffeetasse in seinen Händen. Und dann sagt er, es könne doch kein Zufall sein, dass viele Grenzen offen und zeitweise unbeobachtet sind. Reirink hat sich eine Theorie zurecht gelegt, und die geht so: dass es nämlich die grünen Landwirtschafts- und Verbraucherministerinnen in diesem Land freut, wenn die Seuche ausbricht und viele Tiere getötet werden. Denn wenn erst einmal die Ställe leer sind, fangen viele nicht wieder von vorne an, und so entledigt man sich der Bauern. Denn sie sollen ja weg von der Massentierhaltung, das bekommen sie immer zu hören.

Die Verschwörungstheorie

Nun könnte man sagen, das sei eine der typischen Verschwörungstheorien in Krisenzeiten. Aber es sind hier viele, die so denken. Die Seuche sei eine gute Gelegenheit, den Bauern den Hahn abzudrehen - auch bei der Bauernvertretung im Landwirtschaftlichen Kreisverband in Borken kursiert diese Meinung.

Dort in Borken, eine Autostunde entfernt von Münster, steht gerade der Fußmattenverkäufer vor der Tür. Der Vertreter macht in diesen Tagen das Geschäft seines Lebens. Er verkauft blaue Plastikmatten, die mit Desinfektionslösung getränkt werden. Sie finden reißenden Absatz. 250 Mark kostet eine Matte.

Oben, im ersten Stock des Gebäudes, sitzt vor einer langen Eichenschrankwand Jörg Sümpelmann, der Geschäftsführer des Landwirtschaftlichen Kreisverbandes, der 5000 Bauern in der Region vertritt. Sümpelmann könnte stundenlang über die illegalen Transporte reden, so war es schon 1997 bei der Schweinepest, auch da wurden unerlaubt Ferkel von Holland nach Deutschland gebracht. Sümpelmann ärgert sich, wenn er in den Nachrichten von Politikern hört, die Grenzen seien dicht. "Ich weiß nicht, wie die darauf kommen, denn Fakt ist das Gegenteil."

Manchmal treffen sich abends in der Gaststätte von Ludwig Reirink die Frauen aus dem Ort, und auch sie reden über die Unsicherheit und die Ängste, erzählt er. Es ist gar nicht so, dass hier alle hoch verschuldet sind, und jetzt fürchten, in den finanziellen Ruin getrieben zu werden. Es ist mehr eine allgemeine Angst, wie es weitergehen wird mit der Landwirtschaft. Ob nicht die Kinder besser studieren sollten, etwas lernen sollten? Etwas lernen heißt hier: nicht Landwirt werden. Denn sie wissen ja, so wie es bisher lief, wird es wohl nicht weitergehen.

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