Max-Planck-Gesellschaft : "Deutsches Oxford" in Berlin-Dahlem

Die Bildungsdebatten ähneln sich: Von der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Max-Planck-Gesellschaft.

Bettina Mittelstrass
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Friedrich Althoff, preußischer Staatsbeamter, war ein großer Wegbereiter der Kaiser- Wilhelm-Institute. -Foto: bpk

„Wir bedürfen Anstalten, die über den Rahmen der Hochschulen hinausgehen und, unbeeinträchtigt durch Unterrichtszwecke, aber in enger Fühlung mit Akademie und Universität, lediglich der Forschung dienen.“ Ausgerechnet mit Plänen für außeruniversitäre Institute überraschte der Festredner zum hundertjährigen Jubiläum der Berliner Universität. Grund genug für das „Berliner Tageblatt“, seinen Lesern diese Neuigkeit noch am Abend des 11. Oktober 1910 auf der ersten Seite mitzuteilen: „Der Kaiser selbst will an die Spitze einer Gesellschaft zur Gründung und Erhaltung wissenschaftlicher Institute treten.“ Wilhelm II. hatte die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (KWG) aus der Taufe gehoben, die Vorgängerorganisation der heutigen Max-Planck-Gesellschaft (MPG).

Der Standort für die neu zu gründenden Forschungsinstitute stand schon fest: Grund und Boden aus dem Domänenbesitz Dahlem war der Einsatz des preußischen Staates für Wissenschaft und Forschung. Ein „deutsches Oxford“ hatte sich der Staatssekretär im preußischen Kultusministerium Friedrich Althoff dort vorgestellt und jahrelang auf eine Kolonie aus herausragenden Wissenschaftseinrichtungen hingearbeitet.

„Das Erstaunliche an der Vorgeschichte zur Gründung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft sind die vertrauten Debatten“, sagt Annette Vogt, Mitarbeiterin am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin-Dahlem: „Da wird die Krise der Universitäten ins Feld geführt. Wir haben zu viele Studenten. Die Professoren kommen nicht zum Forschen. Die Laborausrüstung ist nicht ausreichend. Zu wenig Geld vom Staat.“ Das „Berliner Tageblatt“ verweist auf den internationalen Wettbewerb: „Mehr und mehr sind wir von den Amerikanern geschlagen worden, die für Bildungs- und Forschungszwecke sehr hohe Summen (...) aufbringen.“ Forschung zu finanzieren sei daher zukünftig „Ehrenpflicht für die Besitzenden.“

Zu den ersten Förderermitgliedern in der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft gehörten 1910/11 viele deutsche Juden. Der Berliner Bankier Leopold Koppel etwa unterstützte den Aufbau des ersten KW Instituts für Physikalische Chemie und Elektrochemie – das bis heute in der Dahlemer Villa ansässige Fritz-Haber-Institut der Max-Planck-Gesellschaft. Mit großzügiger Unterstützung auch der Industrie entstanden während der Kaiserzeit in rascher Folge zehn Kaiser-Wilhelm-Institute für naturwissenschaftliche Grundlagenforschung, bis auf zwei Ausnahmen alle in Berlin. Erst in den 20er Jahren begann mit 13 neuen Institutsgründungen auch die Ausdehnung in andere Länder der Weimarer Republik.

„Die Weimarer Zeit der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft war ambivalent“, sagt Annette Vogt. Obwohl es keinen Kaiser mehr gab, blieb der inzwischen weltweit bekannte Name erhalten, denn die Kaiser-Wilhelm-Institute wurden für herausragende Forscher gegründet. Nach dem Ersten Weltkrieg blieben ihre Wissenschaftler jedoch auf internationalem Parkett geächtet. Fritz Haber stand als Kriegsverbrecher auf der Auslieferungsliste der Alliierten, weil sich sein Institut am Giftgaskrieg beteiligt hatte, bekam aber zugleich 1918 den Nobelpreis für Chemie. Mitte der 20er Jahre wurde die Teilnahme der Institutsmitglieder an internationalen Kongressen durch ausgezeichnete Forschung wieder zur Regel.

Die Geschichte der KWG in der Zeit des Nationalsozialismus ist heute dank der Arbeit einer vom Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft beauftragten unabhängigen Historikerkommission in 17 Bänden ausführlich dokumentiert. Kaiser-Wilhelm-Institute waren in Rüstungsvorbereitungen eingebunden und an Menschenversuchen im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau beteiligt, wie das 1927 in Berlin-Dahlem eröffnete Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik. Zuletzt erschien 2008 ein eindrücklicher Band über die in der NS-Zeit vertriebenen Forscherinnen und Forscher.

„Ausgerechnet dank der Emigranten war der Ruf der KWG im Ausland gut!“, sagt Annette Vogt. Sie vermittelten positive Erinnerungen an deutsche Forschungsarbeit der 20er Jahre und setzten sich nach 1945 bei den Alliierten dafür ein, die Institute zu erhalten. Die Neugründung der Max-Planck-Gesellschaft in Göttingen 1948 wurde nicht zuletzt durch ihre Fürsprache möglich.

„Damit begann eine neue Profilbildung“, sagt Susanne Kiewitz, Pressesprecherin der Max-Planck-Gesellschaft in Berlin. Unbedingte Forschungsfreiheit stand fortan im Mittelpunkt. In den 50er Jahren handelte man dafür die Finanzierung über Bund und Länder aus. Schwung nahm der Aufbau neuer Institute in den 60er Jahren und nach der Wiedervereinigung.

Heute existieren rund 80 Max-Planck-Institute in der Bundesrepublik. Nur etwa ein Viertel davon hat eine Geschichte als Kaiser-Wilhelm-Institut. In Berlin befinden sich heute fünf MP-Institute, drei in Potsdam.

Das historische Archiv und das 1994 gegründete Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte aber liegen heute fast selbstverständlich in Dahlem, wo alles begann. „Anfang 2011 wollen wir dort Stadtrundgänge anbieten“, sagt Susanne Kiewitz – auf den Spuren des „deutschen Oxford“.

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