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Max Prosa : Neuköllner Freiheit

19.02.2012 00:00 Uhrvon , Protokoll
Max Prosa in seinem Heimatbezirk Neukölln.Bild vergrößern
Max Prosa in seinem Heimatbezirk Neukölln. - Foto: Mike Wolff

Max Prosa hat in Kellerbars gesungen, jetzt spielt der Songwriter in ausverkauften Konzerthallen. Hier erzählt er, warum ihn der Reuterkiez angezogen hat – und wie er ihn heute erlebt.

Um mein Neukölln zu verstehen, muss man vielleicht einen Laden wie das „O Tannenbaum“ erklären: Das ist der Prototyp eines überfüllten, verrauchten Kellers, eine kleine Bar an der Sonnenallee. Der DJ spielt wie verrückt alles durcheinander: Elektro-Musik, Rock, Swing. Der Rotwein ist billig, das Bier auch, alle reden in unterschiedlichen Sprachen, Hebräisch, Französisch, Englisch, Deutsch. Meistens tanzt niemand, und alle fühlen sich sauwohl.

Die Bar ist wie ganz Neukölln ein Platz zum Sein. Da hat nicht alles seinen Zweck. Nicht der Guerilla-Garten um den Baum an der Weserstraße, zwar eingezäunt, aber verwaist. Nicht die Galerie daneben, die in einem alten Friseurladen eröffnet hat, manchmal hängen Bilder an den Wänden, aber oft ist der Raum nur weiß und leer, weil die Besitzer eine Party für den Abend planen.

Das gab es früher nicht. Ich war als Charlottenburger Schüler einige Male in Neukölln, weil meine Oma in der Weserstraße gewohnt hat. Wir sind mit dem Auto über die Stadtautobahn gefahren, Hermannplatz entlang, vorbei an den Dönerbuden. Neukölln war ein Ausländerviertel, meine Oma hatte Serben und Kroaten als Nachbarn, sie sagte, nachts dürfe man nicht auf die Straßen gehen, und schimpfte oft über den Knoblauchgestank in ihrer Gegend. Als Teenager fuhren wir manchmal für Konzerte zum Hermannplatz, weil Huxleys Neue Welt in der Nähe lag. Aber nie gingen wir in die Straßen jenseits des Platzes hinein, in den Reuterkiez. Das war terra incognita.

Vor drei Jahren bin ich nun selbst nach Kreuzkölln gezogen, zufällig in die Weserstraße. Ich hatte mein Physik-Studium an der Humboldt-Universität abgebrochen und wechselte gerade zur Philosophischen Fakultät. Über befreundete Musiker und Studenten erfuhr ich, dass viele Bands und Künstler dort hinzogen. Man merkte, da war etwas im Entstehen, eine Community formte sich. Ich wollte dabei sein.

Über eine Anzeige fand ich mein Zimmer. Zwei Künstler, der eine Fotograf, der andere spielte Schlagzeug in einer Band, suchten einen Mitbewohner für ihre Wohnung in der ersten Etage. Ich kam zum Vorstellungsgespräch – und zwei Tage später hatte ich das Zimmer. Für mich war das wie eine Befreiung. Davor lebte ich mit meinem Vater in Charlottenburg, der hat mir oft auf die Finger geklopft, ob ich nicht noch was für die Uni machen würde, statt Gitarre zu spielen. In Neukölln war ich weit weg davon, meine Mitbewohner hatten einen großen Freundeskreis, oft saßen andere Musiker bei uns in der Küche, wir redeten, tranken Bier, es gab keine Zeit mehr für Seminarvorbereitungen.

In der Wohnung herrschte das totale Chaos, es war schmuddelig, ständig stritten wir, wer diesmal dran ist mit Abwaschen. Wir alle besaßen wenig Geld, wenn einer einkaufen ging, musste er für fünf Euro etwas für uns alle zu essen holen. Meist lief es auf Bratkartoffeln hinaus. Die haben wir abends in einer großen Pfanne gebraten, was wir nicht aufaßen, stellten wir über Nacht in den Kühlschrank – und wenn einer am nächsten Tag Hunger hatte, konnte er das aufwärmen. Die Pfanne stand ja noch vom Vorabend auf dem Herd, sie war nur für unsere Kartoffeln reserviert. Wenn es Sonntag war, haben wir zur Feier des Tages Spiegeleier drübergeschlagen.

Ab und an gab es Partys zu Hause. Wir haben versucht, das zu vermeiden, weil wir keinen Ärger mit den Nachbarn wollten. Zum Glück haben die sich nur einmal beschwert, und das war berechtigt. In der Wohnung gaben wir an einem Wochentag nachts ein kleines Konzert, ich habe gesungen, dazu spielte jemand Gitarre, einige trommelten auf Haushaltsgegenständen. Um vier Uhr morgens stiefelte der Nachbar von der Wohnung über uns herunter: „Wir hören euren Max Prosa wirklich gerne singen, aber jetzt könnt ihr mal leiser machen.“

Manchmal bekommen wir Schwierigkeiten mit unserem Hauswart, der wohnt auch im Vorderhaus. Das ist ein versoffener Typ Ende 50, der nicht in ganzen Sätzen redet, sondern nur Sachen brabbelt wie: „Ja, ihr, wie ihr euch dit vorstellt, ja, hm, so einfach ist dit nicht, erst ma Verwaltung prüfen, ne? Dit jeht ja nich so ...“ Mit großer Gewissenhaftigkeit treibt er nur die Miete ein. Die bezahle ich in bar. Bin ich einen Tag zu spät, klingelt er an der Tür und kassiert sie persönlich.

Er mag es natürlich nicht, wenn etwas kaputtgeht. Kurz nach meinem Einzug hatten mir meine Mitbewohner eine Nachricht hinterlassen, dass jemand vorbeikommen würde, um etwas aus dem Postkasten abzuholen. Ich war allein zu Hause, der Typ kam, aber ich hatte noch keinen Schlüssel. Der Kerl wurde ganz nervös, wir gingen runter, rüttelten an dem Kasten, und mit einem Mal riss er ihn von der Wand. Ich dachte, vielleicht liegen in dem Ding wichtige Medikamente. Es war dann ein Paket Drogen. Als Entschädigung hat er mir davon was in die Hand gedrückt, den Kasten haben wir zu dritt wieder notdürftig aufgehangen, aber der Hauswart ließ sich die Gelegenheit nicht nehmen, uns die Leviten zu lesen.

In der Wohnung gibt es keine Waschmaschine. Deshalb gingen wir oft in einen Salon um die Ecke, Schnell & Sauber. Ein dänischer Freund sagte einmal: „Wenn der Laden Schnell & Sauber & Billig hieße, wäre es die perfekte Lüge.“ Schnell ging es wirklich nie. Ein Durchgang dauert zwei Stunden. Manchmal kamen wir zu dritt dorthin. Nach einer Weile haben wir verstanden, dass nicht jede Waschmaschine gleich gut wäscht. Auf die richtige Maschine war wie auf das richtige Rennpferd zu setzen. Aus unserer Erfahrung war Nummer 8 die beste, die stand eher am Rand und wurde nicht so oft benutzt.

Wenn ich nachts ausging, habe ich mich in den Bars an der Weserstraße verabredet. Das „Silver Future“ finde ich gut, ein großes Glas Wodka Mate für drei Euro, schmeckt nach nichts und wirkt wie Hölle. Da sitzen herrlich obskure Gestalten, manchmal weiß ich nicht, ob Mann oder Frau, und es ist auch egal. Das ist eine Queer-Bar, an der Tür steht, hier darf jeder sein, was er will: Mann, Frau, Transgender, schwul, lesbisch oder was weiß ich. Ich finde die Atmosphäre in dem Lokal entspannt. Liegt daran, dass die Leute schon genug mit sich gekämpft haben, die sind mit sich im Reinen und haben kein Ego-Problem. Die Stimmung ist nicht so aggressiv wie in anderen Bars.

Gleich daneben gibt es das „Fuchs und Elster“. Ein kleines Café im Erdgeschoß, hinten gibt es eine Luke, da führt eine Treppe in ein Gewölbe hinunter, und im Keller finden Partys oder Konzerte statt. Eines Abends spielte die Band Vogel and the Sheriffs, ein Musiker in unserer Küche hatte mir erzählt, dass der Bassist ganz gut sein soll. Ich ging hin, sah die Band, israelische Avantgardemusiker, die auf Englisch sangen, und war von Erez, dem Bassisten, begeistert. Nach dem Konzert habe ich ihn gefragt, ob er in meiner Band spielen möchte. Um vier Uhr morgens haben wir das mit Wodka besiegelt.

So ähnlich habe ich auch meinen Gitarristen Magnus kennengelernt. Er ist Däne, wohnt an der Karl-Marx-Straße und kennt Erez. Eines Abends lief Magnus durch die Weserstraße mit einer Dobro, einer silbernen Steel-Gitarre, die man auch auf einem Dire-Straits-Cover sieht. Erez lief neben ihm her, und während er schlenderte, spielte Magnus Musik und schnallte sich dann die Gitarre über den Rücken, ganz beiläufig. Fand ich beeindruckend. Am selben Abend habe ich ihn gebeten, in meiner Band mitzuspielen.

Solche Begegnungen machen für mich Neukölln aus – ein offenes System, in das immer neue Leute hineinkommen. Manche gehen auch wieder. Zum Beispiel meine Mitbewohner. Die sind im letzten Jahr ausgezogen. Ich wohne gerade allein, was mir im Moment guttut. Für meine Platte gehe ich auf Tour, fahre in andere Städte, um Interviews zu geben, da brauche ich einen Ort, um mal die Tür hinter mir schließen zu können.

Will ich eine Flasche Bier oder Zigarettenfilter, gehe ich runter in den „Spätkauf International“. Der heißt wirklich so. Da steht immer derselbe Türke hinter der Theke, egal, wer reinkommt, er begrüßt ihn mit den Worten: „Alles gut bei dir, mein Freund?“ Im Schaufenster hängt ein großes Plakat der Sergeant-Peppers-Platte, er hat die Köpfe der Beatles herausgeschnitten und vier Mal seinen eigenen aufgeklebt. Das ist seine Deko. Wenn ich mich länger mit ihm unterhalte, erzählt er mir, wie schlecht alles läuft, setze ich mich dann hin, sagt er: „Muss ich dir mehr berechnen wegen Toilette, mein Freund.“

Wenn ich hungrig bin, gehe ich zu einem Libanesen in die Sonnenallee. Da gibt es Mussaba, ein Brei aus Kichererbsen, dicker als Hummus, mit ganzen Erbsen, den isst man mit Brot. Mein Bassist hat mir erzählt, israelische Bauarbeiter essen das morgens und haben dann den ganzen Tag keinen Hunger. Finde ich gut. Oder ich esse bei Al-Safa, dem Araber an der Ecke von Sonnenallee und Fuldastraße. Früher hat da Halloumi 1,50 Euro gekostet, heute bezahle ich zwei Euro. Da macht sich wohl die Aufwertung des Bezirks bemerkbar.

Es herrscht schon eine Angst unter Neuköllnern, weil sich einiges verändert. Bei uns im Haus wurden Solaranlagen auf dem Dach angebracht. Die Miete geht erst mal hoch, langfristig sollen die Nebenkosten sinken. Ich weiß nicht, ob das wirklich stimmt. Vor ein paar Monaten erzählten mir Freunde, wie ihre Hausverwaltung sie herausekeln will. Aus dem Haus zogen nach und nach Leute weg, aber niemand wieder ein. Die Wohnungen blieben leer. Im vergangenen Winter gab es kein warmes Wasser mehr, die Verwaltung behauptete, da könne man nichts machen, die Leitung sei eingefroren. Einen Monat lang ging das. Bis einer aus der WG einen Fön an die Leitung gehalten hat, eine Viertelstunde lang, und dann lief das Wasser wieder.

Ich kenne Menschen, die nach der Parole „Beschmierte Wände gleich billige Miete“ handeln und Häuserwände bekritzeln. Das ist der simpelste Weg, sich zu wehren. Ich will, dass Neukölln sein Flair behält. Es muss nicht blitzen und glänzen. Das Leben glänzt schließlich auch nicht. Ich habe nichts gegen Touristen, aber die mögen sich bitte so verhalten wie wir. Nicht in den Bars Fotos schießen, als seien wir Affen im Zoo. Oder sich beschweren, dass geraucht wird.

Zur Entspannung gehe ich gerne den Kanal entlang: am Maybachufer Richtung Süden bis zur Lohmühlenbrücke. Dort steht seit Ewigkeiten ein Bauzaun, an einigen Stellen ist der durchbrochen, da schleiche ich mich im Sommer durch und gucke aufs Wasser. Oder lese Bücher. Tschechows „Erzählungen“ habe ich dort am Kanal gelesen, den Roman „Reise ans Ende der Nacht“ von Louis-Ferdinand Celine.

Mein Bassist und lieber Freund Erez hat ein Schlauchboot. Mit dem fahren wir im Sommer auf dem Kanal, wir nehmen die Gitarre mit und spielen unter den Brücken Musik. Die Akustik ist der Wahnsinn, muss man mal probiert haben, unter einer Brücke laut zu singen. Für das nächste Album planen wir, das vielleicht mal aufzunehmen. Wir haben im vergangenen Sommer getestet, unter der Lohmühlenbrücke klingt es am besten.

Es ist schon komisch. Wenn ich heute die Weserstraße hinunterlaufe, überfällt mich Nostalgie. An jeder Ecke kleben Erinnerungen. An der Ecke Pannier- und Weserstraße sehe ich das „Freie Neukölln“, tausend Erinnerungen an tolle Abende, dann kommt die Croissanterie, wohin ich mal zum Frühstück ging, wenn ich mir ein leckeres Baguette leisten konnte, am Ende die Bar „Das Tier“, wo früher Steckbuchstaben wie an alten Kinos hingen – und war der Laden zu, stand da: Tier schläft.

Die Lieder von Tom Waits passen gut zu Neukölln. Er besingt seltsame Gestalten, ich habe sofort den Flaschensammler im Kopf, der nachts die Straßen abläuft, die Barkeeperin, die seit 40 Jahren hinter dem Tresen steht, und die Musiker, die im „Ä“ an verranzten Tischen hocken. Es ist schön, das Revue passieren zu lassen. Gerade wenn ich viel unterwegs bin. Ich merke dann, ich brauche wieder mal Zeit, mein Leben in Neukölln zu leben.

Max Prosas Debüt „Die Phantasie wird siegen“ ist gerade erschienen. Das Konzert am 20. Februar im Lido ist ausverkauft.

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