Zeitung Heute : Maxwell

Alte Mitte

Bernd Matthies

VON TISCH ZU TISCH

MAXWELL, Bergstraße 22, Mitte, Tel. 2807121, nur Abendessen, kein Ruhetag, alle Kreditkarten. www.maxwellberlin.de Foto: Mike Wolff

Ja, doch: Berlin ist die kulinarische Hauptstadt Deutschlands. Nicht, weil hier die Leuchttürme stünden, die Dreisternerestaurants und die weltweit angehimmelten Köche. Sondern weil die Stadt ein Laboratorium geworden ist mit all dem Scheitern und Gelingen, das für Laboratorien typisch ist. Und weil gute deutsche Köche auf die Frage, wo sie denn gern im Fall eines Wechsels arbeiten würden, immer nur Berlin nennen. Eil-Rückkehrer wie René Conrad (jetzt im „Meilenwerk“) beweisen, dass Wuppertal jedenfalls keine Alternative mehr ist; das war vor zehn Jahren anders. Am nächsten Sonntag eröffnet das Ritz-Carlton, und das ist kein schlechter Auftakt fürs neue Jahr.

Dieser Ausbruch von Lokalpatriotismus ersetzt gewissermaßen eine Jahresbilanz. Ja, das war 2003. Viel Bewegung bedeutet aber auch, dass viel auf der Strecke bleibt und viel in Vergessenheit gerät. Dass es das „Maxwell“ noch gibt, die einstige Kreuzberger Instanz, das ist mir eigentlich erst bewusst geworden, als ich per Zufall vor der Tür stand in der versteckten Bergstraße in Mitte. Das versprach damals, Mitte der Neunziger, eine heiße, von allerhand Künstlern, Architekten, Autoren heimgesuchte Szene-Gegend zu werden, und das Maxwell sollte das diskrete Glitzerding dortselbst sein, versteckt in einer ehemaligen Brauerei auf dem Hinterhof, mit gestalterischem Anschluss an die Futterstätten der Welt. Inzwischen steht wohl fest, dass es dort ziemlich allein geblieben ist, umgeben von ein paar unterirdisch gruftigen Kneipen, zu weit entfernt vom Hackeschen Markt mit seiner Laufpublikums-Garantie.

Erster Eindruck: Es ist stark gealtert. Die architektonischen Feinheiten hat der Gilb eingeebnet, und die Atmosphäre wirkt erstarrt, zumindest, bis sich endlich Gäste einfinden, was selbst am Sonnabend seltsamerweise bis gegen Neun dauert – so extrem ist das in kaum einem anderen gehobenen Restaurant Berlins. Blicken wir in die Speisekarte: eine Art Déjà vu. Ja, hat sich denn hier überhaupt nichts geändert? Nicht einmal die Weinkarte scheint auf dem Laufenden gehalten zu werden, denn so viele Stempel „Ausgetrunken“ habe ich schon lange nicht mehr gesehen; mag sein, dass das Zufall war und exakt zum Jahreswechsel eine grandiose neue aufgelegt wird. Schlecht ist sie übrigens nach wie vor nicht, erinnert aber doch stark daran, wie fragil und zeitgebunden die Weinmischung der Berliner Aufbruchszeiten mit ihrer Bordeaux- und Übersee-Sehnsucht war.

Beim Essen fiel uns schon die Bestellung schwer. Das liegt nicht einmal an den Buchstaben der Karte, sondern am Eindruck überbordender Beliebigkeit, den sie vermittelt. Die Ente „Damien Hirst" als Dauerbrenner, drumherum Entenleber, Feldsalat, Fisch-Carpaccio, Nudeln und Risotto und Zander mit Sauerkraut und Crème brûlée, Wok hier, Lavasteingrill da, ziemlich genau das gleiche wie zur Eröffnung, vermute ich. Ist hier womöglich ein Gastronomie-Museum der jüngsten Moderne im Entstehen? Nun mag das den Stammgästen so recht sein, aber leider dominiert der Eindruck übergroßer Routine dann auch alles, was auf den Tellern liegt.

Drei schön saftig gebratene Jacobsmuscheln am Zitronengrasspieß mit Curryöl, fast schon eine Karikatur verflossener Modeküche, schmeckten ausgezeichnet. Was aber sollte die außen wie innen unangenehm fettige frittierte Gemüserolle dazu? Limonen-Perlhuhn auf Linsen mit Austernpilzen, noch so eine sterbliche Kombination. Man isst so etwas ja nicht ungern, es schmeckt gut, ist aber nach ein paar Minuten praktisch schon wieder vergessen. Es wächst somit eher die Sehnsucht nach einem Notizblock als nach den nächsten Gerichten (Vorspeisen um 11, Hauptgerichte um 19 Euro). Dabei ist handwerklich alles einwandfrei, der Hirschrücken mit Pinienkernfarce in Wirsing liegt rosa da wie gemalt, und das Topinamburgratin daneben gelingt prima, aber man isst es, wie man Röhrenjeans anzieht: Könnten mal ein paar neue Klamotten her. Gleiches gilt für das Lammkarrée, dessen einzelne Bestandteile schon beim Essen aus der Erinnerung driften. Zuckerschoten waren dabei, nicht gerade passend, dazu ein Püree, grün, mit Rucola?

Drei Pflaumenvariationen – pur, eine Art Kuchen, ein Knödel – recht gut, das Sternaniseis reizvoll, aber von jener spröden Konsistenz, die unumgänglich ist, wenn es nach der Bestellung aus langem Kälteschlaf befreit wird. Dito: das Topfeneis zur Tarte Tatin, die gern etwas apfellastiger hätte sein können. Dazu eine Flasche Dreistern-Spätburgunder von Heger (45 Euro), und schon hat man zu zweit rund 150 Euro versenkt, was ja nicht wenig Geld ist. Und fragt sich unwillkürlich, ob es nicht auf diesem Preisniveau in Berlin spannendere, weniger routinebelastete Restaurants gibt, die Kontakt mit dem kulinarischen Zeitgeist halten. Die Antwort: Es gibt sie. Reichlich.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben