Mediation : Kompromiss statt Prozess

Ob zwischen Ehepartnern, Kollegen oder Nachbarn: Wenn ein Streit eskaliert, kann ein Mediator bei der Lösung helfen.

Goldener Handschlag. Für Konfliktparteien, die auch nach einem Streit noch miteinander auskommen wollen, ist die Mediation eine gute Alternative zu einer Auseinandersetzung vor Gericht. Foto: picture-alliance/gms
Goldener Handschlag. Für Konfliktparteien, die auch nach einem Streit noch miteinander auskommen wollen, ist die Mediation eine...Foto: picture-alliance/ gms

Was ist eigentlich Mediation? Viele Deutsche wissen darauf keine Antwort – das hat im April dieses Jahres eine Umfrage von Infratest dimap im Auftrag der Deutschen Stiftung Mediation ergeben. Rund drei Viertel der Befragten kannten den Begriff nicht oder verwechselten ihn mit einer Schlichtung. Einige der Befragten stellten sich unter Mediation eine fernöstliche Entspannungsübung vor. Hier sind die wichtigsten Merkmale der Mediation im Überblick.

VERMITTLUNG STATT ENTSCHEIDUNG

Das Wort Mediation hat seinen Ursprung im Lateinischen: „mediare“ bedeutet so viel wie „vermitteln“. „Ein Mediator hilft, eine Lösung für einen Konflikt zu finden, wobei die Vorschläge von den Parteien selbst kommen sollen“, erklärt Ruth Stefanie Breuer, Repräsentantin der Deutschen Stiftung Mediation. Die Stiftung hat es sich zum Ziel gesetzt, die außergerichtliche Streitkultur in Deutschland zu fördern. Mediatoren sind neutral und können anders als Richter keine Entscheidungen treffen. Sie strukturieren die Gespräche zwischen den am Konflikt beteiligten Parteien und helfen mit Fragen und Anregungen, wenn die Verhandlungen stocken oder die Stimmung aggressiv wird. Die Mediatoren sind beiden Parteien verpflichtet; eine Erfolgsgarantie gibt es nicht.

Der Vermittler macht, anders als ein Schlichter, keine Kompromissvorschläge. Mediation ist auch keine Rechtsberatung. In vielen Fällen ist eine begleitende Beratung zwar notwendig, Anwälte dürfen aber nur außerhalb der Verhandlungen konsultiert werden. Dies gilt auch dann, wenn der Mediator selbst Rechtsanwalt ist.

HILFE IN ALLEN BEREICHEN – ABER FREIWILLIG

Die außergerichtliche Streitbeilegung kann in sehr vielen Bereichen genutzt werden: sei es bei Trennungen zwischen Ehepartnern, bei Auseinandersetzungen zwischen Nachbarn oder in Firmen, etwa bei internen Konflikten, aber auch bei Streit mit Geschäftspartnern. „Das Verfahren ist gut geeignet in Fällen, die mit viel Emotionen verbunden sind oder wenn Ansprüche nicht einklagbar sind. Eine gute Kundenbeziehung kann man ja schlecht vor Gericht erstreiten“, sagt Breuer. Dagegen hilft eine Mediation nicht, wenn die Beteiligten eine Grundsatzentscheidung herbeiführen wollen oder von ihren Ansichten fest überzeugt sind. Wenig sinnvoll ist sie auch dann, wenn jemand nicht freiwillig teilnehmen will.

DER WEG ZUR EINIGUNG

„Bei der Mediation wird der Blick von den klassischen Rechtspositionen auf die individuellen Interessen der einzelnen Parteien gelenkt“, sagt Mediationsanwalt Michael Plassmann. Als Beispiel erwähnt er eine erbrechtliche Auseinandersetzung, die er als Mediator betreute. In diesem Fall konnten sich zwei Söhne nicht einigen, wie sie das Haus ihrer verstorbenen Mutter aufteilen sollten. Einer der Söhne hatte die Mutter gepflegt und plante sich selbständig zu machen. Ihm lag für das Haus ein gutes Kaufangebot vor. Der andere Sohn dagegen wollte es behalten, um im Alter darin wohnen zu können. Dieser Bruder übernahm schließlich die Immobilie und zahlte die Hälfte des potentiellen Kaufpreises an seinen Bruder, damit dieser Startkapital für seine Geschäftsidee bekam. Drei Termine waren nötig, bis die Kontrahenten eine Lösung gefunden hatten. „Im Ergebnis konnten sich die beiden wieder die Hände reichen. Wichtig war für den einen Bruder auch, dass er Anerkennung für die Pflege seiner Mutter erhielt“, sagt Plassmann.

MEDIATION KANN ZEIT UND GELD SPAREN

Ein wichtiger Punkt, der für die außergerichtliche Streitbeilegung spricht, ist die Dauer des Verfahrens. In der Regel brauchen die Parteien bis zu einer Einigung drei bis vier, seltener fünf bis sechs Sitzungen. Dagegen muss man in einer zivilrechtlichen Streitigkeit oft Monate warten, bis man einen Gerichtstermin erhält. Scheidungsverfahren können besonders lange dauern. Mit einer Mediation spart man sich unter Umständen Zeit und Geld.

Das hat auch der Gesetzgeber erkannt. Seit September 2009 ist es möglich, dass das Familiengericht nach § 135 des Familienverfahrensgesetzes die Ehegatten auffordert, sich kostenlos über die Möglichkeit einer Mediation zu informieren. Entscheiden sie sich dafür, können sie das schriftliche Ergebnis einer gelungenen Vermittlung – Memorandum oder Abschlussvereinbarung genannt – als sogenannte Scheidungsfolgevereinbarung im gerichtlichen Verfahren vorlegen. Der Richter muss dann nur noch per Urteil die Ehe scheiden. Auch in allen anderen Fällen beenden die Parteien die Verhandlungen mit einer schriftlichen Vereinbarung, in der sie sich verpflichten, sich an die gemeinsam gefundenen Lösungen zu halten.

Ruth Stefanie Breuer ist überzeugt, dass die alternative Streitbeilegung an Bedeutung gewinnen wird: „ Immer dann, wenn man auch in Zukunft noch mit der anderen Partei reden will, lohnt sich eine Mediation.“

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