Zeitung Heute : Medien ermöglichen ein neues Lernen

"Belehren geht nicht - das muß endlich aus d

DIETER LENZEN (51) ist Erziehungswissenschaftler.Er wurde nach seinem Studium der Erziehungswissenschaften, Philosophie, Geschichte, deutscher, niederländischer und englischer Philologie schon 1975 mit 26 Jahren zum Professor berufen.Seit 1978 lehrt er an der Freien Universität.Lenzen gehört zu dem Kreis von Wissenschaftlern, die den Bundespräsidenten in Bildungsfragen beraten.Das Interview führte Uwe Schlicht.

TAGESSPIEGEL: Die Medien verändern die Bildung.Haben Sie Angst vor einem Bildungsverlust und einer Verflachung?

LENZEN: Nein, ich habe überhaupt keine Angst vor einem Bildungsverlust.Ich denke im Gegenteil, daß die Medien geeignet sind, eine neue Bildungsumwelt zu schaffen.Wir wissen seit ungefähr zehn Jahren aus den Ergebnissen der Kognitionpsychologie, daß Lernvorgänge anders verlaufen als bis dahin angenommen worden war.Ein lernendes Individuum ergreift sehr stark die Umwelt und konstruiert sich selbst dabei neu in seinen Hirnstrukturen.Wir wissen noch wenig darüber, wie das genau funktioniert.Aber die Kognitionspsychologen sagen immer wieder: Solche Lernumwelten sind besonders geeignet, die hochdifferenziert sind.Medien können dieses bieten, weil sie sich nicht nur auf die verbale Sprache reduzieren, sondern durch optische Angebote ein größeres Potential für das Gehirn schaffen.Das ist häufig bei den sehr kulturkritischen Debatten übersehen worden.Da steht die Angst vor dem Verlust der persönlichen Begegnung im Vordergrund.Im Internet ereignet sich eine andere Art von persönlicher Begegnung als mit einem Lehrer.Die Meinung, das Kind sitze vereinzelt vor dem Computer, ist empirisch zu widerlegen.Die Kinder benutzen den Computer eher in Gruppen und versuchen zum Beispiel Wettspiele zu veranstalten.Die soziale Fähigkeit nimmt dabei zu und nicht ab.Sorge vor einer Verflachung darf man nicht haben.Das Gegenteil ist der Fall.

TAGESSPIEGEL: Was muß sich in den Schulen, was muß sich in der Lehrerbildung ändern, wenn die Medien richtig genutzt werden sollen?

LENZEN: Wir müssen unterscheiden zwischen den Medien, die der Zerstreuung dienen - über die reden wir meistens, wenn wir kulturkritisch die Entwicklung betrachten - und einem anderen Typ von Medien, der die Lernprozesse verbessern kann.Zum Beispiel könnte man den Computer als geeignetes Medium beim Lernen der Schriftsprache einsetzen.Und zwar in einer interaktiven Kommunikation.Solches Lernen der Schriftsprache ist effektiver, als es im herkömmlichen Unterricht mit einem Lehrer geboten wird, der gleichzeitig 20 Kinder bedienen muß.Die entsprechende Software gibt es.Sowenig wie es eigentlich keinen Lehrer geben sollte, der nicht wenigstens zwei Fremdsprachen beherrscht und im Unterricht anwendet, darf es künftig keinen Lehrer mehr geben, für den es nicht selbstverständlich ist, Computer und audiovisuelle Medien einzusetzen, um dadurch einen verbesserten Lerneffekt zu erreichen.

TAGESSPIEGEL: Sind denn unsere Schulen dafür ausgestattet?

LENZEN: Im Augenblick haben wir eine Situation, da von einer flächendeckenden Ausstattung der Schulen mit den erforderlichen Geräten nicht die Rede sein kann.Daß ein so reiches Land wie die Bundesrepublik nicht fähig gewesen ist, rechtzeitig zu erkennen, was hier an Defiziten existiert, ist eine Schande.Das ist in anderen Ländern nicht so.Die zweite Voraussetzung ist, daß das Lehrpersonal überhaupt in der Lage ist, mit dem Computer umzugehen.Zumindest im Sekundarbereich I und II sind die Schüler viel weiter als die Lehrer.Es ist völlig unsinnig anzunehmen, daß die Lehrer den Schülern da noch etwas beibringen könnten.Daß heute die Lehrer das Problem darstellen, liegt auch daran, weil wegen der Überalterung etlicher Lehrerkollegien viele eine innere Sperre gegen die neue Art der Kommunikation haben.Selbst Fortbildung wird nicht genügend angenommen.

Wenn man sich Berlin anschaut, dann gibt es hier zwei skandalöse Zustände: Die Mittel für die Computerausstattung sind ein ganzes Jahr nicht abgerufen worden, obwohl sie zur Verfügung standen.Und in den Schulen findet man stapelweise alte Computer, die Banken und Privatpersonen abgegeben haben, aber sie werden nicht angeschlossen und auch nicht aufgerüstet.Die Chance wird vertan, den Computer als Lehrinstrument einzusetzen.

TAGESSPIEGEL: Leisten die Hochschulen eigentlich genug, um die künftigen Lehrer entsprechend auszubilden?

LENZEN: Nein.Die Orientierung muß auf Erziehung, Unterricht und Hilfe für die Jugendlichen gerichtet sein und nicht auf den für die Hochschule geeigneten Miniaturgeographen, den Miniaturhistoriker.Das ist in Deutschland schwer umzusetzen, weil es immer um Erbhöfe geht.Deutschland leistet sich fast als einziges Land Zweifachlehrer.In fast allen anderen Ländern lernen die Lehrer nur ein Fach und unterrichten es auch.In Deutschland werden die Lehrer jedoch trotz des Zwei-Fächer-Studiums in allen möglichen Fächern eingesetzt, in denen sie gar nicht ausgebildet worden sind.Die anzustrebende Professionalisierung verpufft.

TAGESSPIEGEL: Haben sich wenigstens die Hochschulen auf die Mediennutzung ausreichend eingestellt?

LENZEN: Absolut nicht.Auch an der Freien Universität ist die Ausstattung mit Medien denkbar ungünstig.Lange Zeit haben wir das durch Zentralisierung versucht.Das hilft uns nicht mehr weiter, wir brauchen in einer größeren Zahl von Hörsälen eine entsprechende Ausstattung und wir brauchen, was es bisher für die Hochschulen kaum gibt: Multimedia-Software.Niemand wird behaupten, wir könnten den Professor oder Assistenten ersetzen.Das wäre völliger Unsinn - , aber wir können uns in den Massenveranstaltungen, in denen es um die berühmte Faktenschleuder geht, mit Hilfe der Medien entlasten.Dann könnten wir eine bereichernde Lernumwelt für den Studenten schaffen - der Student eignet sich selbst eine umfassende Materie seinem Lerntempo entsprechend an.

TAGESSPIEGEL: Das müßten sie noch etwas genauer erklären.

LENZEN: Zwei Möglichkeiten bieten sich an: Man kann eine Veranstaltung direkt ersetzen, indem man eine ganze Vorlesung wie die Einführung in die Finanzwissenschaft als Multimedia-CD macht.Das wird jetzt an der FU erprobt.Die Diskussion und Durcharbeitung des Stoffes muß dann in einer sozialen Situation ablaufen, betreut durch Wissenschaftler und Tutoren.Oder man ergänzt eine Lehrveranstaltung durch Medienangebote - das lockert eine Verantaltungsserie auf.

TAGESSPIEGEL: Was muß finanziell getan werden, um eine moderne Lehrveranstaltung so zu organisieren?

LENZEN: Der Mensch kann bei der Bildungsvermittlung nicht durch eine Informationstechnik völlig ersetzt werden.Es kann sich nur um eine Ergänzung handeln, die wir rational, kontrolliert und gut überlegt einsetzen müssen.Dafür brauchen wir große Investitionen.Zum Beispiel kostet die Herstellung eines Multimedia-Angebots für eine Vorlesung ungefähr 120 000 Mark.Dafür finden sich keine Verlage.Die Verlage sagen, das können wir nicht genügend breit verkaufen, warum sollen wir das dann entwickeln.Hier ist die öffentliche Hand gefragt, oder es geht nicht.

TAGESSPIEGEL: Was wird für die Bildung wichtiger: die Schule, die Hochschule oder das Internet?

LENZEN: Da ist eine Entgegensetzung, die nicht notwendig so sein muß.Die staatlichen Institutionen der Wissensvermittlung wie Schulen und Hochschulen werden ein Stück ihrer Bedeutung einbüßen.Weil sie mit der Qualität, die ein Multimedia-Angebot und das Internet bieten, nicht mithalten können.Und es ist im Blick zu behalten: Wenn der lernende Mensch ein sich selbst steuerndes System ist, dann braucht er eine Umwelt, die ihn nicht belehren will.Belehren geht nicht - das muß endlich aus den Köpfen heraus.Wir können nur jemandem eine Welt schaffen, in der er aktiv lernt.Das geht über das Internet sehr viel besser, weil ich dann entscheide, was ich lese oder was ich mir anhöre.Die Kehrseite ist natürlich, daß wir uns dann Gedanken machen müssen über die Kanonisierung des Wissens.Können wir weiter einen festen Bestand von Wissen in der Schule und im Abitur erwarten, oder müssen wir uns von diesem Prinzip verabschieden?

TAGESSPIEGEL: Wie würden Sie die Bildung zu Beginn des nächsten Jahrtausends definieren?

LENZEN: Es ist sehr wahrscheinlich, daß wir uns von dem Gedanken eines festen Wissenskanons verabschieden.Wir müssen sogar prüfen, ob wir über diesen Abschied traurig sein müssen.Die Kanonisierung des Wissens hatte ja einen Hintergrund: nämlich eine Bildungsvorstellung, die damit verbunden war, daß man zu einer bestimmten gesellschaftlichen Schicht gehören wollte.Inzwischen haben wir keine gesellschaftliche Schichtung nach klassischem Muster mehr, sondern wir haben eine hohe Individualisierung.Der Lernende der Zukunft wird sich durch das auszeichnen, was er sich aus dieser reichen Umwelt angeeignet hat, und daran werden wir seine Identität entdecken und nicht mehr an der Frage, hat er das Abitur oder nicht.Darin steckt die eigentliche Chance, ein Profil herauszubilden in der Auseinandersetzung mit der Umwelt.Aus diesen Erfahrungen gewinnen die Menschen dann ihre Ich-Stärke und Persönlichkeit.Wenn wir die Bildung am Beginn des 21.Jahrhunderts wirklich reformieren wollen und die Politiker mitziehen, dann werden wir die Chance haben, eine bedeutend vielfältigere, eine intellektuell besser abgestützte und auch eine affektiv besser erlebbare Bildung zu bekommen.





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