Zeitung Heute : Medien gehen ins Netz

VOLKER S.STAHR

Die Internet-Fusionen gehen weiter.Am Dienstag hat der Fernsehkonzern USA Networks die Übernahme des Internetdienstes Lycos bekanntgegeben.Ziel der Partner ist es, eine erste Adresse im Elektronischen Handel und im Geschäft mit Unterhaltung und Information zu werden.Der Deal ist damit ein weiterer Mosaikstein eines regelrechten Trends: das Zusammenwachsen der klassischen Fernsehkonzerne mit den neuen Internetfirmen.

Auf den ersten Blick hatte der Handel zwischen USA Networks und Lycos überrascht.Es hatte viele andere Spekulationen gegeben, wer der Partner des Portaldienstes (eine der "Türen" zum Internet mit einer Mega-Suchmaschine zum Auffinden von Inhalten) werden würde.Die Liste las sich wie das Who is who der internationalen Medien.Drei der vier größten Häuser standen darauf: Time Warner, Bertelsmann und die australische News Corp.

Daß es dann zum neuen USA/Lycos Interactive Networks kam, hat wohl auch mit der gewachsenen Bedeutung der Internetfirmen zu tun.Längst ist Lycos so groß, daß es sich nicht von einem ganz Großen schlucken lassen mußte.Vielmehr wurde mit dem eher kleineren Kabelkonzern eine Allianz eingegangen.Etwas kompliziert ist deshalb auch die Konstruktion.USA/Lycos wird eine Tochter der USA Networks, in welcher der neue Mutterkonzern zwar fast zwei Drittel, Lycos selbst aber fast ein Drittel einbringt (dazu kommt als kleiner dritter Partner Ticketmaster, der Eintrittskarten via Telefon und Internet vermarktet).Dabei ist die "Tochter" mit einem Börsenwert von 20 Milliarden Dollar so schwer wie der Mutterkonzern - ein Zwillingskonzern entstand.

Das Bild paßt auch aus anderem Grunde.Im neuen Unternehmen fließt nämlich nur sehr bedingt das Internet einfach in ein Medienhaus ein.Es entsteht eher ein Fernseh- und Internetkonzern.Das wird noch deutlicher an den Nutzerzahlen über das gesamte Unternehmen hinweg.USA Networks ist ein Kabelnetzbetreiber mit 70 Millionen Kunden.Die Zahl kann wegen des individuellen Zugangs nur langsam vergrößert werden.Lycos hat im Internet 30 Millionen Nutzer.Diese Zahl könnte theoretisch schnell verdoppelt und verdreifacht werden, haben doch 40 Prozent der 265 Millionen US-Bürger einen Internetzugang.

Dieses Potential wollen die Bosse Barry Diller und Robert Davis aber nicht nur für Unterhaltung und Information nutzen.Die Trennlinie verläuft nämlich auch keineswegs zwischen TV und Internet.Zwar verbleiben in USA Networks auch weiter der TV-Kanal USA Networks und ein Science-Fiction-Spartenangebot.In USA/Lycos wird aber vor allem der Einkaufskanal Home Shopping Channel aufgehen und damit auch die Richtung bestimmen.USA/Lycos soll zur ersten Adresse im E-Commerce (dem elektronischen Handel) werden und Waren parallel über TV und Internet anbieten.Das ermöglicht etwa, nach einer TV-Verkaufsshow per Mausklick zu ordern.Und wenn später TV und Internet "fusionieren", ist ohnehin egal, ob man vor der einen oder der anderen Kiste sitzt - USA/Lycos ist überall.Und langfristig könnte USA Networks das System auch im Unterhaltungsbereich kopieren.

So entstehen weltweit "Multimedia-Konzerne".Sie werden wohl bald Unterhaltung, Information und Handel in unterschiedlicher Mischung anbieten.Der Trend hat längst auch die klassischen Medienkonzerne geweckt.Nicht von ungefähr haben sich fast alle Großen gleichzeitig um Lycos regelrecht "geprügelt".Nur Disney bot nicht mit.Der Micky Maus-Konzern hatte 1998 bereits 43 Prozent des Portals Infoseek übernommen.Mittlerweile ist er auf dem besten Weg, ein weltweites Entertainmentreich mit Vergnügungsparks, Filmen, TV-Angeboten und Folgeprodukten wie T-Shirts und Spielzeug durch ein virtuelles Pendant zu ergänzen und zu einer einzigen großen Disney-World zusammenzufügen.Hatte man dies vor einem halben Jahr noch belächelt, sieht nun auch die Konkurrenz das Potential in dieser Strategie - und sputet sich.

Ohne Zweifel formieren sich die Medien neu.Der Prozeß findet aber von allen Seiten statt.AOL wird immer wieder die Übernahme eines Fernsehsenders nachgesagt.Auch das macht Sinn.Nicht nur das Internet ist eine gute Ergänzung zum Fernsehen.Dies gilt auch umgekehrt.So ist in Deutschland die Telekom kürzlich eine Allianz mit Kirch eingegangen, um mit dessen Filmrechten T-Online attraktiver zu machen.Wahrscheinlich werden bald beide Bereiche auf dem Bildschirm verschmelzen - fragt sich nur noch, auf welchem?

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