Zeitung Heute : Medienpraxis für den Nachwuchs

BARBARA HELD

Zeitungsmacher beschreiben das journalistische AlltagsgeschäftVon BARBARA HELDKeine Frage: Diese Leute wissen, wovon sie reden.Mitarbeiter des St.Galler Tagblatts, einer renommierten Schweizer Regionalzeitung aus dem Haus der Neuen Zürcher Zeitung, haben eine CD-ROM "Medienpraxis" herausgebracht, auf der sie das versammeln, "was die Journalisten von ihrem Metier und das Publikum von seinen Informanten wissen sollte".Die Autoren beantworten ihre selbstgestellten Fragen mit einem medienkritischen Blick weit über den Tellerrand journalistischen Alltags hinaus. Ist Journalismus Beruf oder Berufung? Wohl beides, obgleich Reichskanzler Bismarck einst lästerte, Journalisten seien Menschen, die ihren Beruf verfehlt hätten.Was eigentlich tun Journalisten? Welche Anforderungen werden an sie gestellt? Welche gesellschaftliche Rolle spielen sie? Die CD-ROM präsentiert verschiedene Berufsfelder vom Kriegsberichterstatter bis zum PR-Journalisten, verweist auf unterhaltende, informierende und kommentierende Funktionen der Medien.Hinter allem steht das Ideal vom Journalisten, der "die Welt darstellt", damit "das Publikum darüber urteilen" könne.Die Ansiedlung der Autoren in einem bürgerlich soliden Pressehaus bestimmt dabei die Perspektive. Das gilt auch für die weiteren Abschnitte, die den angelsächsischen Informationsjournalismus betonen.So verfolgt das Kapitel "Nachrichten" den Informationsfluß von der Auswahl eines "Ereignisses" über Agenturen, Redaktionen bis zum gedruckten Artikel.Das Kapitel über journalistische Darstellungsformen macht die Trennung von "Nachricht und Kommentar" plausibel.Allein bei der Beobachtung aktueller Trends ­ Stichwort: Infotainment ­ verläßt die gelassenen Schweizer zeitweise dann doch ihre Ausgeglichenheit.Boulevard-Schund mögen sie nicht.Bild-Zeitung und Konsorten bekommen ihr Fett ab: schamlos, kitschig, die Presse, die uns das Denken erspart. Insgesamt eigentlich eine prima Einführung in den Journalismus ­ wenn die St.Galler nur die Versprechen ihres Werbetextes gehalten und ein echtes Multimedia-Produkt entwickelt hätten.Statt dessen kommt der "Lehrgang" als bebildertes Hörspiel mit einem allmächtigen Sprecher aus dem Offdaher ­ der Schulfunk läßt grüßen.Die Bilder vom Journalistenalltag erinnern an amerikanische Comic-Strips.Ganz amüsant, wenn die Chefredakteurin aussieht wie Superwomen, aber wo steckt der Informationswert? Gelegentliche Musikfanfaren sollen wohl vor sich hin dämmernde Nutzer aufschrecken.Die Interaktion beschränkt sich auf so spannende Frage-Antwort-Spiele wie: "Dürfen Medien überhaupt kommentieren?" Anwortvorgaben :"Ja" oder "Nein".Das dürfte schon Achtjährige unterfordern.Dabei richtet sich "Medienpraxis" an Schüler , Studien- und Berufsanfänger.Allerdings liefern weder das Programm noch das Begleitheft "Medienwelten" Hinweise, wie man das Werk im Unterricht einsetzen könnte.Trotz allem muß man die St.Galler Presseleute für die Pionierleistung loben ­ auf der Frankfurter Buchmesse haben sie zu Recht einen Digita-Preis erhalten.Vielleicht holen sie sich für die nächste Runde noch einen Multimedia-Profi, der ihnen zeigt, wie man Informationen "multimedial"aufbereitet. "Medienpraxis: Was Journalisten von ihrem Metier und das Publikum von seinen Informanten wissen sollten." Für Mac und Windows: 98 DM, Schulversion 407 DM, jeweils plus Mehrwertsteuer und Versand; zu beziehen vom St.Galler Tagblatt, Fürstenlandstraße 122, CH 9001 St.Gallen.

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