Zeitung Heute : Medienwirtschaft im Dialog

HENRY STEINHAU

Der Prolog des zweitägigen Kongresses gehörte der Marktforschung - grellbunt verpackt, Made in USA."Im Jahre 2005 wird es auf unserem Planeten 20 Prozent mehr Jugendliche mit einer unvergleichbar hohen Kaufkraft geben" postulierte die Kalifornierin Suzi Chauvel und sagte all jenen der rund 500 Teilnehmer des "Hamburger Dialoges" den Verlust ihres Publikums und in Konsequenz ihres gesamten Geschäfts voraus, die es nicht vermögen, schon heute eine Verbindung zu den Käufern von morgen aufzunehmen.

Wie man den Weg zu einer Jugendkultur, die sich laut Chauvel über Geschwindigkeit, Individualismus und Globalität definiere, am ehesten findet, zeigte die darauffolgende Fallstudie aus dem Hause Philips.Die aufwendigste Werbekampagne der Konzern-Geschichte, so deren geistiger Vater John Leonard von der Werbeagnetur Eruo RSCG Worldwide, habe zum Ziel, den Namen Philips zu einer faszinierenden Marke mit emotionalen Werten und spirituellem Potential zu machen, die zudem als "virtualisierte" Marke reagierender Kommunikationspartner und Projektionsfläche zugleich sei.

"Das Branding wird zur Schlüsselfrage", stellte dazu der amerikanische Medienspezialist und Hochschulprofessor Mario Garcia fest, und erkärte auch warum: Der typische Internet-Nutzer sei nicht nur gut gebildet und sicher im Umgang mit neuen Medien, er sei vor allen Dingen "besessen von einem ganz bestimmten Thema".In mehreren Nutzerstudien fand Garcia zudem heraus, daß die meisten Surfer innerhalb von 45 Minuten mindestens drei verschiedene Plätze ("Sites") besuchten, sich jedoch hinterher selten erinnern können, woher sie eine bestimmte Information eigentlich bekommen haben - mangels funktionierendem Branding der Informations-Anbieter.

Dieses "Branding", also das Kultivieren einer Marke, eines unverwechselbaren Images, das wurde in Hamburg im Verlaufe der rund 30 Workshops und Plenumsveranstaltungen überdeutlich als Zauberwort für das Zeitalter der interaktiven Medien.In weiteren Fallstudien, etwa des gedruckten Magazins "Readers Digest" (Das Beste) oder der ARD-Tagesschau, dem Sportartikelhersteller Nike oder der weltweiten Tennis-Turnier-Reihe ATP-Tour zeigte der "Hamburger Dialog" zudem, wie das Internet die (Konsum-) Welt zu globalisieren scheint, wenngleich das Lokale weiterhin wichtig bleibt.

Eine Renaissance der Schreib- und Lesekultur versprach der bereits erwähnte Garcia.Entgegen dem gemeinhin formulierten Anspruch des Internet als Multimedium, das über Bilder, Audio und auch Video funktioniere, sehe er das World Wide Web primär als textorientiertes Medium.Die in seinen Studien herausgefundenen Tatsachen, daß am Bildschirm durchschnittlich 20 Zeilen lange Texte erscheinen und die Internet-Nutzer am liebsten auf die nächste "Seite" Klicken statt den Text herunterzurollen, spreche allerdings nicht dagegen, in Zukunft mehr am Bildschirm zu lesen: "Es ist eine Herausforderung für Autoren und Verleger." Texte jeglicher Couleur müßten so verfaßt sein, daß sie nach 20 Zeilen Appetit auf mehr machten.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben