Medizin : Verhüteter Darmkrebs

Hartmut Wewetzer fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Vorsorge, die ihren Namen verdient.

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Dr. Hartmut Wewetzer
Dr. Hartmut WewetzerFoto: Tsp

Der Ausdruck Krebsvorsorge klingt gut, ist aber meist nicht zutreffend. In der Regel geht es darum, das Übel möglichst frühzeitig zu erkennen. „Vorsorge“ ist etwas anderes. Eine bemerkenswerte Ausnahme ist die Darmspiegelung. Mit ihr gelingt es tatsächlich, die Vorformen von Krebs zu entfernen, bevor dieser entsteht. Seit 2002 kann jeder Bundesbürger ab 55 bei sich alle zehn Jahre eine Darmspiegelung vornehmen lassen. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg haben vor kurzem im „Deutschen Ärzteblatt“ nach acht Jahren eine Zwischenbilanz der Darmkrebsvorsorge vorgelegt. Sie fällt so positiv aus, dass selbst Skeptiker beeindruckt sein dürften.

„Darmkrebs ist sowohl bei Männern als auch bei Frauen die zweithäufigste Krebsart und die zweithäufigste Todesursache infolge von Krebs in Deutschland“, beginnt der Artikel der Forscher im „Ärzteblatt“ zunächst wenig ermutigend: 70 000 Neuerkrankungen im Jahr, 30 000 Todesfälle. In der Regel entsteht Darmkrebs aus gutartigen Wucherungen, „Polypen“ oder Adenome genannt. Das sind millimeter- bis zentimetergroße Gewebeknubbel, die – mal mit, mal ohne Stiel – aus der Schleimhaut des Dickdarms in den Verdauungskanal hineinwachsen. Längst nicht jeder Polyp entwickelt sich auch zu Krebs, und zudem dauert es etliche Jahre, bis aus gutartigem bösartiges Wachstum wird. Das nimmt zum Ausgang des Dickdarms hin zu. Mit einem dünnen, biegsamen Rohr mit eingebauter Videokamera, dem Endoskop, kann der Arzt das Innere des Dickdarms inspizieren („spiegeln“) und, falls er einen Polypen entdeckt, diesen sogleich via Endoskop entfernen. Dann ist für etliche Jahre Ruhe. Der Dünndarm ist übrigens zum Glück nur selten von Krebs befallen.

Wie Hermann Brenner und seine Kollegen vom Krebsforschungszentrum ausgerechnet haben, wurden durch die bundesweite Früherkennung bislang an die 300 000 fortgeschrittene Adenome entdeckt und entfernt. Daraus leitet Brenner ab, dass in der Altersgruppe von 55 bis 84 Jahren rund 100 000 Fälle von Dickdarmkrebs verhütet wurden. Hinzu kam, dass 50 000 Erkrankungen an Darmkrebs „frühzeitig und zumeist in einem heilbaren Stadium“ erkannt wurden.

„Diese großen Effekte sind umso erstaunlicher, als nur etwa drei Prozent der Berechtigten pro Jahr am Früherkennungsprogramm teilnehmen“, sagt Brenner. Auch der Charité-Experte Christian Jürgens sieht im geringen Interesse das Hauptproblem. „Zu viele Menschen nehmen die Vorsorge nicht wahr“, sagt der Mediziner Jürgensen. „Und das, obwohl die Darmspiegelung nur noch ein geringes Risiko in sich birgt und meist gut vertragen wird.“

Trotz mangelnder Teilnahme könnte sich bei den Krebs-Neuerkrankungen künftig ein Knick nach unten bemerkbar machen. Um mehr Menschen zur Vorsorge zu bewegen, sollen in Zukunft möglicherweise die Berechtigten eingeladen werden. Keine schlechte Idee. Vorausgesetzt, es wird klar und ungeschönt über Nutzen und Risiken aufgeklärt.

Unser Kolumnist leitet das Wissenschaftsressort des Tagesspiegel. Haben Sie eine Frage zu seiner guten Nachricht? Bitte an: sonntag@tagesspiegel.de

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