Medizintechnik : Herzschrittmacher aus Kreuzberg

Unternehmer erfinden ganze Branchen und der Gesundheitsmarkt profitiert davon.

Beatrice hamberger

Gerade in Krisenzeiten brauchen wir Unternehmerpersönlichkeiten. Menschen, die mit visionärer Kraft und Durchhaltewillen eigene Unternehmen aus der Taufe heben und Branchen auf den Kopf stellen. In Berlin hat es diese Menschen immer wieder gegeben und es gibt sie noch.

Er ist zwar kein Berliner, aber er fühlt sich so. Dr. Bernd Wegener, der gebürtige Nordrhein-Westfale, lebt schon 20 Jahre in der Stadt. Als Geschäftsführer der Marion Merrel Dow GmbH initiierte er 1994 die Brahms Diagnostica – ein aus einem Management-Buy-Out entstandenes Biotech-Unternehmen.

Mit einer kühnen Idee und sehr viel Risikobereitschaft hat Wegener Brahms zu einem der erfolgreichen Unternehmen der Branche gemacht. Heute ist es eine international operierende Aktiengesellschaft und in 65 Ländern mit eigenen Tochtergesellschaften oder Vertriebspartnern aktiv. Allein im letzten Jahr stieg der Umsatz gegenüber 2007 um 17 Prozent von 63 auf 76 Millionen Euro.

Die kühne Idee, das war die Diagnostik-Sparte einer Pharmafirma zu einem neuen Unternehmen der damals noch jungfräulichen Biotech-Branche zu entwickeln. Bluttests stellt das „neue“ Unternehmen her, damit lebensbedrohliche Krankheiten wie Sepsis und Infektionen frühzeitig diagnostiziert werden können. Auch zur Therapie-Kontrolle und zur Verlaufs-Prognose eignen sich die Biomarker-Tests. Mit dem PCT-Test zum Nachweis bakterieller Infektionen ist die Brahms AG bislang ohne Konkurrenz.

Selbst im Krisenjahr 2009 ist der Vorstandsvorsitzende Wegener vom weiterem Wachstum seiner Firma überzeugt: „Einfache und preiswerte Bluttests werden immer wichtiger, um lebensbedrohliche Erkrankungen rechtzeitig zu erkennen und erfolgreich behandeln zu können“, sagt Wegener und ergänzt: „Wir expandieren weiter.“

Bernd Wegener ist ein dynamischer Mann, der privat gerne Langstrecke läuft. Ausdauer ist gut fürs Geschäft, auch dann, wenn er die Interessen der 260 Pharmafirmen des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie (BPI) vertritt. Hierbei muss er „die langfristigen Branchen-Ziele mit den kurzfristigen Entscheidungshorizonten der Politik vereinen.“ Seit 2000 beweist Wegener das. Erst kürzlich ist er in seinem Amt als BPI-Vorsitzender bestätigt worden.

Echte Unternehmertypen mit Ausdauer hat auch die Otto Bock GmbH hervorgebracht. Otto Bock GmbH? Lange Zeit war der Mittelständler in Berlin unbekannt. Dabei wurde die Firma in Berlin gegründet. Pünktlich zum 90. Geburtstag des Unternehmens wird im Juni das Science Center Medizintechnik zwischen Potsdamer Platz und Brandenburger Tor eröffnet – eine interaktive Erlebniswelt, die Menschen mit Handicap eine moderne Hightech-Orthopädie „erlebbar“ machen soll. Unweit vom neuen Science Center, in Kreuzberg, hatte der Orthopädiemechaniker Otto Bock 1919 eine Firma gegründet, um tausende Weltkriegsversehrte mit Prothesen und orthopädischen Produkten zu versorgen. Damit legte er den Grundstein für die Orthopädische Industrie und für die Erfolgstory Otto Bock. Heute ist das Unternehmen Weltmarktführer bei Prothesen. Seit Otto Bocks Enkel, Prof. Hans Georg Näder, 1990 die Geschäftsführung übernahm, hat sich die Mitarbeiterzahl fast verdreifacht, mehr als 4500 Mitarbeiter arbeiten heute für Otto Bock weltweit. Der Umsatz hat sich seither vervierfacht, 582 Millionen Euro betrug er im vergangenen Jahr.

Näder hat mit seinen Ideen Berge versetzt. Aus den anfänglichen Holzbeinen sind intelligente Beinprothesensysteme mit mikroprozessorgeregelter Hydraulik geworden. Sportler treten damit bei den Paralympics an. „Das C-Leg hat die gesamte Beinprothetik revolutioniert“, erklärt Näder, „in einem Shareholder Value orientierten Unternehmen hätte so eine Erfindung keinen Platz gehabt“. Aber so sind Unternehmerpersönlichkeiten: Sie denken nicht an kurzfristige Gewinne, sondern ethische Anliegen werden mit der Firma verknüft. „Die Firma“, sagt Näder, „sie ist mein Leben. Ich bin in der Verantwortung, sie in eine erfolgreiche Zukunft zu führen."

Was für ein Satz. Er könnte auch von Dr. Max Schaldach stammen, der heute mit der gleichen Empathie das Familienunternehmen Biotronik führt. Max Schaldach senior hatte es gegründet, Max Schaldach junior führt es weiter. So funktioniert solider Mittelstand.

Max Schaldach senior war der Schrittmacher der Herztherapie und eine ganz besondere Unternehmerpersönlichkeit. Er besaß die Fähigkeit, technisch neuartige und anspruchsvolle Produkte zu entwickeln und sie weltweit zu vermarkten. Der Physiker „aus Leidenschaft“ hatte 1963 in einem Kreuzberger Hinterhof den ersten deutschen Herzschrittmacher entwickelt. Klobig waren die Geräte damals und reparaturanfällig, manchmal explodierten sie sogar. Aber das ist lange her. Herzschrittmacher sind heute kleine technische Wunder. An dieser Entwicklung haben die Schaldachs und ihre Biotronik maßgeblich mitgewirkt. Über 800 verschiedene BiotronikProdukte gibt es heute auf dem Markt, neben Schrittmachern und Defibrillatoren auch Herzkatheter und Stents. Vom Kreuzberger Hinterhof ist der europaweite Marktführer von kardiologischen Implantaten zwischenzeitlich nach Neukölln gezogen, 1600 Mitarbeiter arbeiten dort, 4500 sind es weltweit.

Persönlich war Max Schaldach ein zurückhaltender Mensch, der auch noch Spaß am Entwickeln hatte, als er schon längst ein erfolgreicher Unternehmer war. Sein plötzlicher Tod war ein herber Schlag fürs Unternehmen und für die Berliner Wissenschaft. Indes führt der Sohn das Vermächtnis ganz nach den Grundsätzen seines Vaters weiter: „Spaß am Entwickeln und Technik hilft heilen.“

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