Zeitung Heute : Mehr als die Hälfte der schwedischen Väter macht Papa-Pause

Wie die skandinavischen Länder Familien fördern und Männer dazu bringen, Windeln zu wechseln

Cornelia Wagner

Wird über das ab 2007 in Deutschland geplante Elterngeld diskutiert, liegt der Vergleich mit den skandinavischen Ländern nahe. Denn dort gibt es vergleichbare Regelungen schon länger: In Schweden beträgt die Elternzeit 68 Wochen. Davon stehen 60 Tage nur der Mutter und 60 Tage dem Vater zu. Die restlichen Wochen werden unter den beiden Elternteilen aufgeteilt. Die finanzielle Unterstützung beträgt für 55 Wochen des Elternurlaubs 80 Prozent des Bruttoeinkommens. Für die restlichen 90 Tage wird ein fester Tagessatz gezahlt. Die Väter haben zusätzlich die Möglichkeit zehn Tage bezahlten Elternurlaub in der Zeit der Geburt des Kindes zu nehmen.

Insgesamt beträgt die Elternzeit in Dänemark 52 Wochen. Davon kann die Mutter vor der Geburt vier Wochen beanspruchen, der Vater in Verbindung mit der Geburt bei voller Lohnfortzahlung 14 Tage. Nach der Geburt stehen der Mutter 14 Wochen zu. Die übrigen 32 Wochen können die Eltern aufteilen. Während der 52 Wochen bekommen die Eltern mindestens 1788 Euro monatlich. Einige Tarifverträge sehen sogar vor, dass der Arbeitgeber eine Zeit lang die Differenz zum vollen Gehalt zahlt.

In Norwegen können die Eltern entweder für einen Zeitraum von 52 Wochen 80 Prozent oder für 42 Wochen 100 Prozent des früheren Gehalts bekommen. Über die Aufteilung der Zeit entscheiden die Eltern selbst. Jedoch muss die Mutter drei Wochen vor der Geburt des Kindes in Anspruch nehmen. Wenn sie es nicht tut, verliert sie diese drei Wochen. Die ersten sechs Wochen nach der Geburt sind ebenfalls der Mutter vorbehalten. Vier Wochen der gesamten Leistungsperiode sind für den Vater reserviert. Über die restliche Verfügungszeit können die Eltern selbst entscheiden.

Alle nordischen Länder weisen eine deutlich höhere Geburtenrate als Deutschland auf. Dänemark, Norwegen und Finnland liegen mit einer Geburtenrate von mehr als 1,7 Kindern pro Frau an der Spitze im europäischen Vergleich. Schweden nimmt mit einem Wert von 1,57 einen mittleren Platz ein. Deutschland liegt mit einer Geburtenrate von 1,35 Kindern pro Frau am unteren Ende.

Führt also Elterngeld zu steigender Kinderzahl? Kostas Petropulos vom Heidelberger Büro für Familienfragen und soziale Sicherheit ist da skeptisch: „Es gibt nicht nur die finanziellen Faktoren, wegen derer sich Paare für Kinder entscheiden“, sagt Petropulos. „Eltern brauchen wirtschaftliche und berufliche Sicherheit für mehrere Jahrzehnte und natürlich umfangreiche Kinderbetreuungsmöglichkeiten.“ Auch die seien in den skandinavischen Ländern besser ausgebaut als in Deutschland.

Mit ihren Förderstrategien erreichen die nordischen Staaten noch andere Ziele. So wurde die weiblichen Erwerbsbeteiligung deutlich erhöht, auch die Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen wurden reduziert. Die Zahl der Väter, die sich für die Kindeserziehung beurlauben lassen, ist in Schweden wesentlich höher als in Deutschland: Der Bundeszentrale für politische Bildung zufolge nehmen dort 55 Prozent der Männer Vatermonate – im Vergleich zu fünf Prozent in Deutschland. Dabei stellen die hohen Lohnersatzleistungen für Männer, die auch in Schweden im Schnitt mehr verdienen als Frauen, einen Anreiz dar. Allerdings hat die Gleichstellungspolitik nur im Erwerbsleben zu Veränderungen geführt. Im privaten Bereich führte sie lediglich zu sieben Minuten, die Männer nun im Haushalt mitarbeiten.

Auch in Dänemark wurde die Gleichstellung vorangetrieben. In 75 Prozent aller Paarhaushalte sind beide Partner berufstätig. Die dänischen Frauen weisen weltweit die höchste Beschäftigungsquote auf und zugleich gibt es hier das geringste Lohngefälle zwischen Frauen und Männern. Gleichzeitig haben die jungen dänischen Frauen durchschnittlich – wie in den meisten anderen europäischen Ländern – mittlerweile ein höheres Ausbildungsniveau als die Männer. Besonders im akademischen Bereich dringen Frauen in ursprüngliche Männerdomänen ein und sind zum Beispiel als Ärztinnen tätig.

Zur Gleichstellung der Frauen setzt Norwegen nun auf ein ganz anderes Instrument. Am 1. Januar 2006 trat ein Quotengesetz in Kraft, wonach Unternehmen nur dann neu an der Börse zugelassen werden, wenn an der Konzernspitze jedes Geschlecht mit mindestens 40 Prozent repräsentiert ist. Die 519 schon jetzt an der Börse in Oslo notierten Aktiengesellschaften müssen die Quote binnen zwei Jahren erfüllen. Ansonsten können sie wegen eines Verstoßes gegen das Aktiengesetz aus dem Gesellschaftsregister gestrichen und zwangsliquidiert werden.

Die norwegischen Aktiengesellschaften liegen mit einem Frauenanteil von 22 Prozent an den Top-Positionen zwar weltweit vorn. Die 40-Prozent-Hürde nehmen aber gerade mal 58 Unternehmen. Auch im Norden gibt es also noch viel zu tun.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben