Zeitung Heute : Mehr als ein cooles Stück Musik

Interview mit Andre KTORI von der britischen Künstlergruppe AUDIOROM TAGESSPIEGEL: AUDIOROM verfolgt die unterschiedlichsten künstlerischen und kommerziellen Strategien.Als was versteht Ihr Euch, als kommerzielle Produktionsfirma? Als Künstler-Kollektiv? Oder als Multimedia-Roadshow? KTORI: Wir sind keine kommerzielle Gesellschaft.Wir haben einige sehr profilierte Prduktionen auf CD ROM und im WEB gemacht, aber das ist vorbei.Wir mußten uns auf unsere tatsächlichen Interessen konzentrieren und das sind interaktive Künste und Musik.Wir nehmen noch immer kommerzielle Aufträge an , aber wir sind im Grunde nicht sehr begeistert davon.Es muß schon eine Menge Geld dabei herauskommen, mit dem wir unser Kollektiv oder unsere Band unterstützen, oder es muß ein Projekt sein, das uns wirklich interessiert und das wir für wertvoll halten. Im Grunde sind wir wie eine Band.Nur daß wir kein Vinyl produzieren, sondern CD ROMs, bei denen das Visuelle und die Interaktion so wichtig sind wie die Musik selbst. Wir absolvieren dann auch Auftritte, um unsere CDs zu promoten - ähnlich wie eine Band.Nur, daß wir dann Installationen bauen, oder elektronisch und digital gestützte Aufführungen produzieren, bei denen wir selbst kreierte Hardware, Software, Bilder und Musik einsetzen. Wir nennen unsere Ausstellungen "Auftritte" (Gigs) und wir sind sehr daran interessiert den Begriff der "Hochkultur" aufzubrechen, als auch daran, mehr künstlerische Inhalte in die Populär-Kultur einzubringen. TAGESSPIEGEL: Ihr arbeitet mit ganz verschiedenen Medien - produziert etwa Video- und Lichtinstallationen, absolviert Live-Auftritte, Audio-Skulpturen und Multimedia-Produkte.Gibt es soetwas wie ein Kerngeschäft" bei Euch, eine zentrale Aktivität, von der sich alle anderen ableiten? KTORI: Einige sagen, daß das die Musik ist.Wir legen aber auf das Hörbare genau so großen Wert, wie auf das Sichtbare.Das Unsichtbare interessiert uns ebenso, wie die Verbindung zwischen Bild und Ton.Viele Medien-Produktionen tendieren dazu, die Musik erst ganz zum Schluß einzufügen.Oft kommt der Musik und ihrer Beziehung zu den Bildern - im Gegensatz zum narrativen und visuellen Element - nur ein Bruchteil der Aufmerksamkeit zugute. TAGESSPIEGEL: Was für ein Klima herrscht in Großbritannien zur Zeit für Projekte wie Eures? Findet Ihr in London einen "fruchtbaren Boden" für Multimedia-Kunst und die Multimedia-Industrie? KTORI: Doch, in London herrscht zur Zeit in Sachen Multimedia eine echt coole" Atmospäre.Übrigens hasse ich das Wort Multimedia.Die diesjährige MILIA in Cannes hat mich darin einmal mehr bestärkt.Die meisten Multimedia-Produkte basteln nur Print mit Video und Animationen zusammen.Ich glaube dagegen, daß eher in den interaktiven Medien und in der digitalen Kunst etwas bewegt werden kann.Sorry, ich hoffe, daß ich damit nicht zu pedantisch bin, aber ich glaube, daß es da einen entscheidenten Unterschied gibt. Überall werden diese "zielorientierten" Spiele gepusht.Aber Künstler arbeiten an Formen der Interaktion, bei denen es weniger ums Gewinnen oder Töten geht, als vielmehr um den Prozess des Schaffens.Das ist auch unsere Richtung.Wir sind daran interessiert, das Publikum interagieren zu lassen und Musik mit Hilfe visueller Elemente erschaffen, kreieren zu lassen.Ich glaube, daß man da in Japan bereits viel weiter ist.Die Japaner kaufen bereits "Parapa the Rapa" und scratchen Musik mit Hilfe toller Münzspiele zusammen. TAGESSPIEGEL: Wie kam es zu Eurer CD ROM ShiftControl? Welches war der Auslöser? KTORI: Die Ideen die der CD ROM und unserer Arbeit zugrunde liegen habe ich ja bereits geschildert. Wir haben vor anderthalb Jahren eine Beta-Version gemacht - als Experiment und um herauszufinden, ob sich außer uns noch mehr Leute für solche Produkte interessieren.Diese Version hatte, ähnlich wie das aktuelle Produkt, interaktive Oberflächen für den Mac.Aber die Musik und die visuellen Elemente mußten dann erst noch verbessert werden.Das System mußte für die Nutzer auch autonom handhabbar werden, das heißt, es mußten Möglichkeiten zum Import und zum Abspeichern von Daten geschaffen werden.Wir verteilten dann 100 Kopien übers Netz, um das Feedback zu testen.Die gingen zügig weg und Reaktionen und das Presse-Feedback ermunterten uns dazu ShiftControl zu realisieren. TAGESSPIEGEL: Mit welchen Programmen und mit Hilfe welcher Tools habt ihr ShiftControl produziert? KTORI: Wir benutzten den MACROMEDIA Director, um alle diese hochkomplexen visuellen Interaktionen zu programmieren, aber der Director ist nicht zur Arbeit mit Sound geeignet und nicht in der Lage verschiedene Tonspuren zu synchronisieren.Auch die Zeitfunktion, mit der man das Timing kontrolliert - eine unerlässlich Funktion bei der Arbeit mit Musik - ist Abfall.Deshalb haben wir solche Funktionalitäten in C++ programmiert.Bei der Musik haben wir in unserem eigenen Studio hier mit Logic Audio gearbeitet und haben die Sound Files für die CD in Sound Edit editiert.Für die visuellen Elente benutzten wir auch Photoshop und Premiere. TAGESSPIEGEL: Zielt ein Produkt wie ShiftControil auf den "ganz normalen" Multimedia-Konsumenten? Auf Leute, die Computer-Games mögen, mit der Play Station spielen und abends noch gerne in einen Club tanzen gehen? Oder hofft Ihr auf eine professionelle Käuferschicht - DJs zum Beispiel, oder Menschen, die beruflich mit Musik zu tun haben? Oder würdet Ihr das Produkt eher in einem Kunst-Umfeld auswerten wollen, in Gallerien, Museen oder auf Videofestivals? KTORI: In gewisser Weise passt das Produkt in alle die genannten Markt-Kategorien.Mit Ausnahmme der DJ-Käuferschicht vielleicht.Obwohl wir im vergangenen Monat mit ShiftControl auf einer DJ-Veranstaltung aufgetreten sind, das Produkt zusammen mit einer unserer Installationen präsentiert haben und den größten Erfolg des Abends damit verbuchten.Wie gesagt, wir wollen die Mauern niederreißen zwischen der Hochkultur und der populären Kultur und zwischen Autoren und Konsumenten und das ist es was wir unter Interaktivität verstehen. Wir haben gerade hier in London im INSTITUTE OF CONTEMPORARY ARTS (ICA) ausgestellt und das war ein "Gig", ein Auftritt und wurde gleichzeitig - wie eine Ausstellung - durch Kuratoren begleitet und in einen Kunst-Kontext gestellt. Wir treten jetzt mit unseren Installationen in Clubs auf, um so "Kunst" in einen anderen Zusammenhang zu stellen.So etwa wie eine Arbeit von Marcel Duchamp.Ich würde unsere Arbeit sogar auf einer Play Station sehen, zugänglich für eine breite Öffentlichkeit und nicht nur für Wenige in einer Gallerie. Trotzdem sind wir nicht so schwergewichtig wie es die Hochkultur oft ist und deshalb ist es wichtig für uns unsere Arbeiten auch in Gallerien und im Kunst-Kontext promoten zu können.Wir bekommen auch starke Uunterstützung von Seiten der Künste und wir haben kein Problem damit. TAGESSPIEGEL: Wo vertreibt Ihr Eure CD ROM? KTORI:Es wird die CD ROM in Kunst-Buchhandlungen geben aber wir wollen sie auch in die Regale der Plattenläden bekommen, und sie so unters breite Publikum streuen.Schließlich sind da 40 Minuten "zutiefst cooler Musik" drauf, wie ein Journalist von "Wired" geschrieben hat.Es handelt sich dabei also nicht nur um eine Arbeit über interaktive Musik-Oberflächen, sondern wir haben auch ein Musik-Album gemacht das gleichzeitig 16 interaktive Musik-Games enthält.Und wir werden rausgehen und das Ding promoten TAGESSPIEGEL: Wenn Ihr in die Zukunft blickt, seht Ihr dann DJs, die Eure Musik mitHilfe Eurer CD ROMS auf dem Bildschim abmischen ohne auf Plattenspieler und analoge Mischverfahren zurückzugreifen? KTORI: Wie gesagt, wir haben bereits einige Auftritte in diesem Stil absolviert.Da gibt es dann vielleicht eine ganz neue Richtung ...Cjs vielleicht , mit ganz anderen Methoden und Arbeitsweisen als die althergebrachten DJs. TAGESSPIEGEL: Könnt Ihr von Euren Projekten leben oder seid Ihr Freischaffende aus ganz verschiedenen Zusammenhängen, die sich nur gelegentlich auf AUDIOROM, als einer gemeinsamen Plattform, einfinden? Könnt Ihr von AUDIOROM leben? KTORI: Zumindest leben wir in der Hoffnung.Wir sind nicht gerade Großverdiener.Einige von uns lehren oder forschen in akademischen Institutionen, andere verdienen ihr Geld als Freie mit CD ROM- und Web-Produktionen.Wir bekommen Fördergelder von den Kunstämtern und aus den Kultur Fonds und unsere letzte Projekt-Förderung betrug 17.000 Pfund, einzelne Ausstellungen werden mit Beträgen zwischen 2.000 und 5.000 Pfund finanziert .In jedem Fall bessere Zeiten, als damals in meiner Rock Band. Das Interview führte Gunter Becker

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