Zeitung Heute : Mehr als ein Klick

Kurt Sagatz

Der Sender Premiere wird die Fußballspiele der Bundesliga künftig über eine Internetverbindung in den Fernseher bringen. Beginnt damit ein neues Internetzeitalter?


„Ich bin drin“, dieser Satz, gesprochen als Werbung für einen großen Internetprovider, bleibt für immer mit Boris Becker verbunden, genauso wie seine Wimbledon-Siege. Damals jedoch, noch vor der Jahrtausendwende, hieß „drin“ sein, sich mit einem piepsenden Modem quälend langsam durch das Netz zu hangeln. Viel Text und wenig Bild. Im August 2006 nun kommt Franz Beckenbauer als Kommentator ins Internet – und mit ihm die Fußball-Bundesliga. Zusammen mit der Telekom-Tochter T-Online wird Premiere die komplette 1. und 2. Liga über das jüngste aller bekannten Medien verbreiten – und damit in Konkurrenz zum etablierten Fernsehen treten. Neben Kabel, Satellit und dem digitalen Antennenfernsehen wird das Internet zum gleichberechtigten Übertragungsweg für die wichtigste Sportart der Deutschen. Und Deutschland wird zugleich zum Vorzeigebeispiel für mustergültige Breitbandvernetzung.

Zurück zu Boris Becker: Als er die Nutzung des Internets so medienwirksam propagierte, war das Netz nicht nur langsam, sondern zudem allein auf den Computer beschränkt. Was man sich im World Wide Web ansah, fand auf dem PC-Monitor statt. Und auch später hat es lange gedauert, bis sich das Telefonieren über das Internet als kostengünstige Alternative zum normalen Festnetztelefon herumgesprochen hat. Das Internet, das nun kommt, hat damit nur noch die technischen Standards gemeinsam. Das neue Hochgeschwindigkeitsnetz, das die Telekom unter dem Namen VDSL in der Bundesrepublik aufbaut und das bereits Ende nächsten Jahres die 50 größten Städte Deutschlands umfassen soll, ist 400-mal schneller als die alte Modemtechnik aus Boris Beckers Werbespots. Mit diesem Netz, für das allein in Berlin 4000 Kilometer Glasfaserleitungen verlegt und rund 7500 Kabelverteiler auf den Bürgersteigen postiert werden, ist alles möglich.

Die Experten sprechen gerne von Triple Play. Über ein Netz werden Fernsehen, Telefon und Internet nebeneinander transportiert. Das Internetprotokoll ist die gemeinsame Sprache. Bis zu 100 Fernsehprogramme, also sowohl das bekannte Free-TV als auch diverse Spartenkanäle und Pay-TV-Angebote, kommen dann aus der gleichen Telefondose, während man zugleich auf mehreren Leitungen telefonieren kann und nebenbei im Internet surft.

Langfristig, so viel ist sicher, läuft alles im Internet zusammen. Oftmals auch, ohne dass der Benutzer oder Zuschauer es überhaupt merkt. Ob das Spiel, das der Fußball-Fan am Fernseher verfolgt, über Internet, Kabel oder Satellit übertragen wurde, dürfte ihm am Ende egal sein. Wichtig ist, dass die Qualität stimmt – und die wird nicht nur durch technische Parameter definiert, sondern genauso über Bildregie und Kommentator. Und freilich spielt auch der Preis eine Rolle. Der Kabelbetreiber Kabel Deutschland, der bereits seit einiger Zeit ein Kombipaket aus Fernsehen, Internet und Telefon anbietet, hat mit seinem günstigen Angebot inzwischen über eine halbe Million Triple-Play-Kunden gewonnen. Will die Telekom mit ihrem insgesamt drei Milliarden Euro teurem VDSL-Netz ein neues Internetzeitalter einläuten, so muss es dem Unternehmen gelingen, ein nicht nur technisch hochwertiges Produkt zu präsentieren, sondern daneben einen attraktiven Preis für ihr „T-Home“-Angebot. Wie kompliziert das ist, kann man derzeit verfolgen: Die Techniker werden die erste Ausbaustufe des VDSL-Netzes in einigen Wochen beendet haben. Wann die Preise für „T-Home“ bekannt gegeben werden, weiß man hingegen noch nicht.

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