Zeitung Heute : Mehr als eine Spielerei: Virtuelle Stadtrundgänge

KURT SAGATZ

Die Berliner Multimedia-Firma echtzeit verknüpft 3D-Stadtansichten mit Informationen aus der realen WeltVON KURT SAGATZBeim Thema "Virtuelle Welten" geraten die beiden Geschäftsführer des Berliner Multimedia-Unternehmens echtzeit GmbH in Wallung."Der 3D-Markt entwickelt sich jetzt", meint etwa Edouard Bannwart.Und Mitgeschäftsführerin Claudia Alsdorf ergänzt: "Die virtuelle Realität kommt aus der Showcase-Ecke heraus." Wo früher Unternehmen auf Messen und in Verkaufsausstellungen mit aufwendigen Multimedia-Produktionen brillierten, werden heute Projekte mit Produktprofilen gesucht. Eines dieser Produkte mit wirtschaftlichen Erfolgsaussichten könnte die CyberCity sein, ein 3D-Stadtmodell, das mit Hilfe von Virtual-Reality-Technologien begehbar ist.Zwei Besonderheiten unterscheiden dabei die Entwicklung der echtzeit-Experten von anderen Softwarelösungen.Zum einen hat man sich bei echtzeit von Anfang an Gedanken darüber gemacht, wie später mit CyberCity auch Geld verdient werden kann.Wo im wirklichen Leben, dem Real Life (RL) in Abgrenzung zur Virtual Reality (VR), Immobilien vermietet, verpachtet oder verkauft werden können, bietet sich der dreidimensionale Stadtraum von echtzeit zur Verknüpfung mit dem wirklichen Leben an. Ein Beispiel: Über die CyberCity ist es möglich, dem Hotel Four Seasons in der Französischen Straße in Mitte einen Besuch abzustatten, die Zimmer als realitätsnahe Modelle anzusehen und auch gleich online zu buchen.Die Idee der Verknüpfung von virtueller Umgebung und realem Wirtschaftsleben setzt sich bei den Galleries Lafayette fort.Der Computer erlaubt auch hier die virtuelle Stippvisite.Durch eine Verknüpfung mit dem Warenwirtschaftssystem des Kaufhauses kann online festgestellt werden, ob im Regal noch ein Exemplar der gewünschten Ware ausliegt.Eine ebenfalls virtuelle Schaufensterpuppe zeigt ­ ausgestattet mit den eigenen Maßen ­ ob einem das ausgesuchte Kleid oder der Anzug auch im RL, im wirklichen Leben, steht.Mit den Orten lassen sich natürlich die verschiedensten Informationen verbinden, wobei es sich nicht allein um Texte im Internet-Format HTML, sondern auch um Bilder, Videos oder Tondokumente handeln kann. Die Datenbasis für das Computermodell der Hauptstadt stammt aus der digitalen Liegenschaftskarte.Diese Daten wurden von echtzeit um die dritte Dimension erweitert.Eingesetzt wurde eine spezielle Fassaden- und Lufttechnik, um die Höhe und Dachform der Gebäude möglichst originalgetreu zu übertragen.Die Oberflächen der Gebäudefassaden entsprechen in den bislang erfaßten Gebieten vor allem im Bezirk Mitte den realen Gegebenheiten, selbst Plätze und Straßen lassen an Realismus wenig Wünsche offen. Daß CyberCity Perspektiven über den virtuellen Raum hinaus hat, hängt zum auch damit zusammen, daß sich die Navigation durch den Cyberspace nicht auf Besitzer von Hochleistungsrechnern wie dem Onyx 2 von Silicon Graphics beschränkt.Vielmehr wurde bei echtzeit, das im wirklichen Leben in bester Berliner Lage über dem Breitscheidplatz residiert, eine Softwarelösung unter dem Namen CyberNavigator geschaffen, die den virtuellen Stadtrundgang auch mit einem handelsüblichen Multimedia-PC mit Internet-Zugang erlaubt.Ausgestattet mit einem Standard-Browser von Netscape, der um einen VR-Viewer von Cosmo erweitert wurde, werden hier die verschiedenen Zugänge zum städtischen Raum verbunden.Entweder navigiert man per Maus und Tastatur durch das 3D-Abbild der Stadt oder man nutzt die Stadtkarte zum Wechseln der Örtlichkeiten.In einem seperaten Fenster werden sodann die jeweiligen Informationen angezeigt. CyberCity ist in der Philosophie von echtzeit die Klammer für verschiedenste VR-Anwendungen und -Dienste.Eine Ergänzung ist das Modul Traffic.Mit diesem Verkehrsmodell werden die elektronischen Straßen von Autos befahren.Ziel ist nicht nur, die Welten realistischer zu gestalten.Vielmehr können mithilfe dieser Simulationen die Verkehrsströme zu den verschiedensten Tages- oder Jahreszeiten erforscht werden, um beispielsweise Staus vorzubeugen.In eine ähnliche Richtung geht das Modul Crowd, mit dem virtuelle Fußgänger den Szenerien hinzugefügt werden.Auch diese Softwarelösung eignet sich als Simulation, beispielsweise zur Erforschung von Paniksituationen an sensiblen Punkten wie Flughäfen oder Bahnhöfen. Die Entwicklungen der echtzeit-Truppe sind natürlich in der Branche nicht unbemerkt geblieben.Große Konzerne wie Telekom, Siemens, IBM, Intel, SGI oder Disney sind daran interessiert, ihre Produkte und Dienstleistungen auch in der 3D-Welt im besten Licht erstrahlen zu lassen.Auch in Berlin würden Gespräche geführt, sagte Bannwart, ohne allerdings Namen nennen zu wollen.Immerhin verrät Claudia Alsdorf, daß das 1995 gegründete Unternehmen mit seinen rund 40 festen Mitarbeitern, das neben Berlin auch noch in Köln, Zürich und in den USA mit Betriebsstätten und Beteiligungen vertreten ist, in diesem Jahr den Umsatz auf acht Millionen DM verdoppeln will.Auch in der weichen Welt der Software zählt schließlich vor allem die harte Wirklichkeit der Zahlen.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar