Zeitung Heute : Mehr als Nachbarschaftshilfe

Iran gibt sich moderat – es lässt weitere Atomkontrollen zu und intensiviert die Beziehungen zu Irak und Afghanistan. Wie wirkt sich das auf das Verhältnis zu den USA aus?

Ruth Ciesinger

Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad lässt keinen Zweifel daran, was für eine Zukunft ihm für sein Land vorschwebt: Eine, wenn nicht die regionale Großmacht soll der Iran werden. Für dieses Ziel gibt er den reisefreudigen Chefdiplomaten, die Außenpolitik der Regierung gegenüber den Nachbarn ist rege. Erst am Wochenende glückte eine neue Kooperation. Zusammen mit der Türkei will man Kraftwerke bauen. Aus Ankara hieß es, vorerst seien drei Anlagen mit einer Gesamtkapazität von 6000 Megawatt geplant.

Die US-Regierung, die nach der islamischen Revolution im Iran 1979 die diplomatischen Beziehungen zu Teheran abbrach, ist wenig angetan von den regionalen Bestrebungen. Ihr schwerster Vorwurf in dem Zusammenhang: Der Iran unterstütze im Irak die Aufständischen und in Afghanistan die Taliban; US-Präsident George W. Bush selbst klagt Teheran an, mit Waffenlieferungen die beiden Länder zu destabilisieren und den amerikanischen Truppen das Leben schwer zu machen. Wie berechtigt die Vorwürfe im Detail sind, darüber wird auch in Amerika gestritten. Klar ist aber, dass Bagdad und Kabul sehr am guten Verhältnis zu Teheran gelegen ist, und dass die Beziehungen dieser Länder zueinander ausgesprochen vielfältig sind – sehr zum Ärger der Amerikaner.

Erst vor zwei Wochen pries Afghanistans Staatschef Hamid Karsai den Iran als „Helfer und Lösung“ bei den Problemen in seinem Land, und empfing nach seiner Rückkehr von einer USA-Reise Mahmud Ahmadinedschad in Kabul. Dieser wiederum hat gerade die Einladung des irakischen Premiers Nuri al Maliki nach Bagdad angenommen, der Anfang August Teheran besucht hatte. Es wäre der erste Besuch eines iranischen Präsidenten seit dem Krieg beider Länder in den 80er Jahren.

Der Schiit Maliki hatte in Teheran über Gas- und Öllieferungen sowie über Terrorbekämpfung gesprochen. Iraks Botschafter in Berlin, Alaa al Hashimy hatte im Tagesspiegel das Verhältnis zum Iran gelobt, der dem Irak „in den vergangenen vier Jahren in vielen Bereichen geholfen“ habe. Der Iran beliefere den Nordirak mit Strom und baue in mehreren Städten Generatoren. Beide Länder treiben Handel miteinander, Kredite wurden zugesagt, Geschäftsleute und schiitische Pilger überqueren regelmäßig die Grenze.

In Afghanistan hat Teheran ebenfalls mit Wirtschaftshilfe gepunktet. Nach dem Sturz der Taliban wurden die Beziehungen vor allem zu den schiitischen Gruppen im Westen verstärkt. Mit iranischer Hilfe wurden dort Straßen gebaut, Stromleitungen verlegt und der Aufbau des Telefonnetzes unterstützt. Eine geplante Eisenbahnlinie soll beide Länder miteinander verbinden. Die Provinz Herat, die an den Iran angrenzt, soll inzwischen mit die beste Infrastruktur in Afghanistan haben.

Am 28. Mai nun haben sich US-Diplomaten mit iranischen Kollegen zum ersten Mal offiziell getroffen; in Bagdad sprach man über die Sicherheitslage im Irak, kürzlich kam ein zweites Treffen zustande. Dem liegt die Erkenntnis zugrunde: Ohne den Iran geht es nicht in der Region. Wie viel mit ihm geht, ist zwar ebenfalls unklar, denn so viel Einfluss, wie Teheran selbst lieb wäre, hat es auf seine Nachbarn wohl nicht. Doch könne eine gegenseitige Entdämonisierung seitens Teherans und Washingtons der Region etwas Entspannung bringen und den Umgang mit dem Iran international wie regional erleichtern, urteilt Johannes Reissner von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin.

Doch es sieht derzeit nicht so aus, als ob sich die iranisch-amerikanischen Beziehungen weiter erwärmen würden. Im Streit um Irans Atomprogramm drängt Washington auf schärfere Sanktionen, weil der Iran nach wie vor seine Urananreicherung nicht aussetzt – wozu ihn zwei Sicherheitsratsresolutionen aufgefordert haben. Die Einigung zwischen Teheran und der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEO) vom Dienstag, die unter anderem verbesserten Zugang für die Inspekteure zu Irans Atomanlagen vorsieht, hat der US-Botschafter bei der IAEO bereits als Manipulation zurückgewiesen.

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