Zeitung Heute : Mehr als nur Heimvorteil

Benedikt Voigt

Am Donnerstagvormittag bekam einer der zahlreichen Eintrittskartenverkäufer, die in Salt Lake City an jeder Ecke stehen, ein Problem. Eine junge Amerikanerin sagte: "Ich brauche zwei Karten für das Turnen heute Nacht." Der Händler fragte erstaunt zurück: "Für was, bitte?" Die junge Dame blieb standhaft: "Für das Turnen." Später stellte sich heraus, dass sie Eiskunstlaufen meinte. Etwas Entwicklungshilfe in Sachen Wintersport gilt es in den USA wohl noch zu leisten. Dabei galt vor den Olympischen Spielen in Salt Lake City eigentlich nur Eiskunstlaufen als massenwirksame Sportart in den USA. Bobfahren, Rodeln oder Biathlon mussten die amerikanischen Zeitungen ihren Lesern erst in halbseitigen Grafiken näher bringen. Doch nach Salt Lake City ist das alles anders: Die USA zählen zu den führenden Wintersportnationen.

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Newsticker: Aktuelle Nachrichten von den XIX. Winterspielen sowie weitere Sportmeldungen Vor dem abschließenden Eishockey-Endspiel belegten die Gastgeber im Medaillenspiegel den dritten Platz. Und mit insgesamt 33 Medaillen liegen die USA in der nordamerikanischen Wertung, bei der die Gesamtzahl der Medaillen entscheidend ist, sogar auf Rang zwei. Vor Salt Lake City holten die USA bei Olympischen Winterspielen nie mehr als 13 Medaillen. Was ist passiert?

Zu einem Teil profitierten die Amerikaner natürlich von ihrem Heimvorteil. Wenn das Publikum jubelte, kitzelte das bei vielen die entscheidende Leistungssteigerung heraus. Eiskunstlaufsiegerin Sarah Hughes sagte: "Am Ende meines Programms gab es einen riesigen Aufschrei, das werde ich nie mehr vergessen." Und auch die Drittplatzierte Michelle Kwan profitierte nach einem Sturz von den Zuschauern. "Ich habe gehört, wie das Publikum versucht hat, mir Mut zu machen, indem es in der Mitte meines Programms zu klatschen anfing." Die Russen hingegen vermuteten, dass der Heimvorteil bis zu den Preisrichtern reichte. "Die Nordamerikaner hatten einen Vorteil", sagte der russische Präsident Wladimir Putin. Doch der amerikanische Erfolg hat andere Gründe.

Der Heimvorteil bestand auch darin, dass die Athleten frühzeitig auf den olympischen Anlagen trainieren konnten. Nur drei Mitglieder des amerikanischen Teams stammen aus Utah, doch 38 zogen vor den Olympischen Spielen nach Salt Lake City und Umgebung. Dort konnten sie sich in Ruhe auf den Anlagen vorbereiten. "Weil wir uns jeden Tag an das Eis gewöhnen können, sind wir den anderen einen Schritt voraus", hatte Eisschnellläufer Derek Parra vor den Spielen gesagt. Nun hat er seinen Trainingsvorteil in eine Goldmedaille über 1500 Meter umgemünzt. 18 Millionen Dollar hatten die USA seit den Olympischen Spielen von Nagano in ein Wintersport-Förderprogramm namens "Podium 2002" gesteckt. Das zahlte sich auch aus. Zudem motivierte das Olympische Komitee der USA seine Athleten auch finanziell. Es erhöhte das Preisgeld auf 25 000 Dollar für Gold (Nagano 15 000), 15 000 Dollar für Silber (Nagano 10 000) und 10 000 Dollar für Bronze (Nagano 7500).

Und zuletzt profitierten die USA auch von den Trendsportarten, die erst in jüngster Zeit ins Olympische Programm aufgenommen wurden. Mit Shorttrack, Snowboard und Freestyle-Skifahren können die jungen Amerikaner mehr anfangen als mit Rodeln oder Bobfahren. "Snowboard waren die begehrtesten Tickets bei den Zuschauern", sagte Peter Carlisle, Direktor für Olympische Sportarten bei der Sportmanagement-Firma Octagon.

Die beste Stimmung herrschte dann auch im Park City Mountain Resort, wo die Zuschauer zu Rock, Grunge oder HipHop-Bands den Snowboardern zusahen. Die USA gewannen insgesamt fünf Medaillen in der Halfpipe, weshalb die Sportart nun auch für Sponsoren und Medien wichtig geworden ist. "Mein Telephon hat nicht mehr aufgehört zu klingeln, seitdem Kelly Clark Gold gewonnen hat", sagt Carlisle. Im Shorttrack und Freestyle, die beide 1994 ins Olympischen Programm aufgenommen wurden, holten die Amerikaner jeweils drei Medaillen.

Bislang galten die Snowboarder immer als Außenseiter im Sportprogramm. Es waren die verrückten Kids in der seltsamen Kleidung. Das Debüt dieser Sportart wurde von dem Fall des Kanadiers Ross Rebagliati überschattet, der positiv auf Mariuhana getestet wurde. Das passte zum Outlaw-Image dieser Sportart. Doch jetzt ist es wie immer bei Olympia. Der Erfolg rückt eine Randsportart plötzlich in den Mittelpunkt. Ein Fernseh-Zuschauer sagte sogar: "Ich fühle mich ja schon als schlechter Amerikaner, wenn ich nicht den Snowboard-Wettbewerb in der Halfpipe anschaue." Es sieht so aus, als ob die Winterspiele endgültig in den USA angekommen sind.

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