Zeitung Heute : Mehr als reine Technologie

HENRY STEINHAU

"Das Preisniveau der Telekommunikationskosten bewegt sich heute auf einem Drittel des Niveaus von vor fünf Jahren", sagte EU-Kommissar Martin Bangemann zur Eröffnung der dreitägigen Konferenz "Information Society Technologies" (IST), die in diesen Tagen in Wien zu Ende ging.Dies sei auch ein Ergebnis der europäischen Regelungs- und Förderpolitik, welche richtigerweise, so Bangemann, die Entmonopolisierung der europäisch-staatlichen Telekommunikationsunternehmen vorangetrieben habe, um die neuen Märkte der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien und -plattformen zu fördern.Dies sei auf den Weg gebracht.

Künftig gehe es weniger um reine Technologie-Förderung, sondern mehr und mehr um die Förderung der Nutzung von Werkzeugen für neue Inhalte und Services.Deshalb spreche das 1999 startende fünfte EU-Rahmenprogramm zur Förderung von Forschung und Technologie bewußt von "Informationsgesellschaft", denn dieser Begriff impliziere, daß am Aufbau derselben mehr als nur Wirtschaftsunternehmen beteiligt seien, so Bangemann.Daß auch Verbände, die Sozialpartner oder öffentliche Institutionen aktiv einbezogen würden sei ein Ziel der neu formulierten EU-Förderpolitik.

Zur Wiener IST-Konferenz kamen rund 3000 Teilnehmer aus knapp 60 Ländern der Erde, sie berieten und diskutierten in über 40 Einzelworkshops das Konferenz-Motto "Leben und Arbeiten in der Informationsgesellschaft".In einer begleitenden Ausstellung informierten über 150 EU-Behörden, EU-nahe Institutionen oder EU-geförderte Projekte über ihre (Zwischen-)Ergebnisse.Mehrere Redner werteten die IST als die "wichtigste Forschungskonferenz für die Informationstechnologien, die die Europäische Kommission in den letzten Jahren durchgeführt hat".

Die IST war vor allem als Auftakt für das fünfte Rahmenprogramm angelegt.Dort wird es in der IT-bezogenen Förderpolitik fünf Schwerpunkte geben: Dienste für den Bürger, elektronischer Handel und neue Arbeitsverfahren, darüberhinaus grundlegende Technologien und Infrastrukturen (Kommunikations- und Netztechnologien, Mikrosysteme), Multimedia-Inhalte und schließlich allgemeine Tätigkeiten zur Entwicklung generischer Technologien und der Grundlagenforschung (Simulation, VR und superintelligente Netze).Für den gesamten IST-Bereich sollen rund dreieinhalb Milliarden ECU an Fördergeldern bereitstehen, etwa ein Viertel des gesamten Förderetats von 14,9 Milliarden ECU.Allein für die genannte IST-Kategorie "Multimedia-Inhalte" sollen rund 600 Millionen ECU zur Verfügung stehen.Es sei das erste Mal, so EU-Insider, daß der Begriff Multimedia überhaupt in einem Programmpapier explizit genannt werde.

Umberto Scapagnini, für Forschung zuständiger Europa-Abgeordneter, sagte in Wien zum fünften Rahmenprogramm, daß die EU damit "erstmals die Lösung von Problemen der europäischen Gesellschaften fokussiert", wie die Beseitigung von Massenarbeitslosigkeit.Für Mil Thierig, Geschäftsführer des Berliner Tivola-Verlages und Gewinner der jüngst verliehenen Auszeichnung EuroPrix (Der Tagesspiegel berichtete), steht dies außer Frage: "Allein durch uns sind in den letzten Jahren 80 Arbeitsplätze entstanden und das in einer zukunftssicheren Branche".

Um die weitere Entwicklung der Branche nicht nur durch staatliche Fördergelder, sondern auch durch privatwirtschaftliche Mittel zu unterstützen, bettete die EU in das IST-Programm ein sogenanntes Investment-Forum ein, das rund 100 privatwirtschaftliche Geldgeber mit zirka 50 kleinen und mittelständischen Unternehmen zusammenbrachte.Auch Firmen mit Risiko- und Beteiligungskapital seien bei ihrer Auswahl mittlerweile nicht mehr auf reine Technologie-Entwickler beschränkt, wie Herrmann Hauser vom britischen Venture Capital-Fond Amadeus erklärt: "Jetzt, wo das Internet ein leistungsfähiges Massenmedium ist, interessieren wir uns auch für solche Firmen, die die Werkzeuge für Inhalte-Produktion nutzen."

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