Zeitung Heute : Mehr als schöne Worte

Regina-C. Henkel

Die Arbeitgeber haben die Vielfalt entdeckt. In den Unternehmensleitbildern von Bayer und Deutscher Bank über Daimler-Chrysler bis Siemens taucht sie als "Diversity" auf, denn diese Firmen sind Global Player und die internationale Geschäftssprache ist Englisch. Doch auch in kleinen und mittelständischen Betrieben hat "Diversity" längst Einzug gehalten: Die Belegschaft setzt sich aus immer mehr Nationalitäten zusammen, es wird in unterschiedlichen Sprachen miteinander geredet, die Projekt-Teams sind interdisziplinär besetzt. Vorgesetzte können durchaus jünger als ihre Mitarbeiter sein - und manchmal sind sie sogar weiblich. Bei dieser Vielfalt entstehen schnell Situationen und Verhaltensweisen, die nicht mehr für jeden sofort und ohne weitere Erklärung verständlich sind.

Missverständnisse als Tribut an die globalisierte Welt? Nach Überzeugung von Katharina Heuer muss das nicht sein. Die Personalchefin der DaimlerChrysler Services AG nennt "Diversity" nicht etwa ein Problem, sondern "ein Pfund, mit dem wir wuchern wollen". Seit 1998 ist Vielfalt bei DaimlerChrysler Services sogar ein Konzept. In den Unternehmensleitlinien für die rund 10 000 Mitarbeiter in 38 Ländern ist ein "Diversity Statement" festgeschrieben und wird durch einen "Integrity Code" ergänzt. Darin heißt es unter anderem: "Eine unterschiedliche Behandlung von Mitarbeitern wegen des Geschlechts, der Rasse, einer Behinderung, der Herkunft, der Religion, des Alters oder wegen gleichgeschlechtlicher Veranlagung darf nicht erfolgen."

Damit es nicht bei schönen Worten bleibt, folgt gleich als nächster Satz: "Das Unternehmen duldet weder Belästigung am Arbeitsplatz noch eine damit zusammenhängende Benachteiligung." Konkret: Wer gegen den "Integrity Code" verstößt, fliegt.

Weil genau das verhindert werden soll, wird bei dem Finanzdienstleister mit Headquarter am Potsdamer Platz einiges getan. Mit einer "Diverse Workforce" soll Vielfalt "zu einem Vorteil im globalen Wettbewerb werden". Dazu gehört unter anderem, dass offene Positionen international ausgeschrieben werden - in Deutschland in englischer Sprache. Immerhin: Beim jüngsten Recruiting von Praktikanten und Hochschulabsolventen kamen die insgesamt 57 Teilnehmer aus 23 verschiedenen Nationen.

Im ganz normalen Alltag klappt es mit der menschlichen Vielfalt allerdings auch bei DaimlerChrysler Services nicht immer ganz so, wie es in den Leitlinien steht. Und schon überhaupt nicht läuft alles reibungslos. Personalchefin Katharina Heuer sieht es nicht verbissen: "Es gibt wahnsinnig komische Situationen, beispielsweise im Gespräch zwischen Mitarbeitern unterschiedlicher Nationalitäten. Hauptbusinesssprache ist Englisch und natürlich werden da manchmal Wörter falsch interpretiert. So etwas passiert. Da gibt es nur Eins: Man muss nachfragen und checken, ob auch wirklich verstanden worden ist. Das gewöhnt man sich im internationalen Umfeld sehr schnell an."

Interkulturelle Trainings, beispielsweise als Vorbereitung für Business-Einsätze in den USA, unterstützen die (DC-)Mitarbeiter in ihrer Sensibilität gegenüber anderen Gepflogenheiten. Personalfrau Heuer fällt auch hier spontan eine eher lustige Anekdote ein. Sie glaubt, dass heitere Gelassenheit und genauso auch die Fähigkeit, blitzschnell auf Überraschungen reagieren zu können, auf das Positivkonto von Diversity gehen können - und erzählt von einer Begegnung mit einer amerikanischen Kollegin: "Wir sind uns auf einem Flughafen begegnet. Weil Amerikaner ja gemeinhin als körperlich eher distanziert gelten, wollte ich ihr nicht unbedingt sofort meine Hand entgegenhalten. Aber ich hatte gar keine Chance. Sie kam auf mich zu und hat mich voll umarmt. Wahrscheinlich hatte sie zuvor ein interkulturelles Training besucht."

Der Völklinger Kreis verleiht einen Managementpreis für Toleranz und Vielfalt im Unternehmen: www.vk-online.de . Im Jahr 2002 wurde die Deutsche Bank ausgezeichnet.

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