Zeitung Heute : Mehr als sprechende Vögel

STEFAN STREHLER

Digitale Assistenten auf der "transmediale"STEFAN STREHLERUnter einem Computerkindergarten kann man sich Verschiedenes vorstellen.Beispielweise einen ganz normalen Kindergarten für die Computergeneration.Oder eine Computerschule für Kinder im Vorschulalter.Auf den Gedanken, daß es die Computer selbst sind, die hier in den Kindergarten gehen, wird man nicht so schnell kommen.Michael Klein hatte aber genau diesen Gedanken im Sinn, als er letzten Samstag im Podewil von "Virtuellen Charaktern" und "Knowbots" sprach.Im Rahmen des Video- und Medienfestivals "transmediale" gab der Direktor des Instituts für Neue Medien (INM) aus Frankfurt/Main einen Überblick über die Gattung der "Digitalen Assistenten".Damit sind Computerprogramme gemeint, die in der Form eines künstlichen Wesens auftreten und bei der Bewältigung von Entscheidungs-Problemen oder bei der Informationsbeschaffung helfen sollen. Die Wunschvorstellung ist klar: Man schickt seinen persönlichen Agenten ins Internet, damit er einem zum Beispiel alle Informationen über die nächste Urlaubsreise nach Costa Rica beschafft.Die Zeit, die man bislang selber vor dem Computer zugebracht hat, nutzt man sinnvoller für Gespräche mit der Familie oder ein ausgedehnteres Frühstück.Der persönliche Agent verfügt nämlich über eine Art von Intelligenz, die ihn dazu befähigt, mehr als die dummen Anweisungen auszuführen, die ihm sein Programmierer einst eingegeben hat, und genau das zu finden, was sein Herr und Meister wünscht: das ruhige 3-Sterne-Hotel, mit Tennisplatz, etwas abseits gelegen und einem kulturell wertvollen Nachtleben. Mit den Assistenten, die man von "Microsoft Office" kennt, hat das nicht mehr viel zu tun.Daran muß man sich allerdings in der Gegenwart noch orientieren.Dr.Klein nannte Beispiele, die er für zukunftsweisend hält: Auf der einen Seite sind dies Spiele, wie die "Tamagotchis" oder der virtuelle Vogel "fin fin", der im Computer lebt und zu dem man mithilfe eines Mikrofons sprechen kann.Beide Spielarten ermöglichen eine sinnliche Interaktion mit dem Computer.Auf der anderen Seite gibt es wirklichkeitsähnliche Figuren wie den komplett künstlichen Japan-Popstar "Kyoto Date" oder "Mopy", den Screensaver-Fisch von Hewlett Packard.Diese Beispiele sind mehr oder weniger Computerspiele.Was sie auszeichnet, ist die Tatsache, daß einfache Reiz-Reaktions-Schemata so programmiert sind, daß sie sich natürlichen Verhaltensweisen annähern.Damit sind sie zwar immer noch weit davon entfernt, so etwas wie Intelligenz zu entwickeln, aber die Interaktionsmöglichkeiten zwischen Mensch und Maschine sind nicht mehr auf Tastatureingaben beschränkt. Das Forschungsprojekt "Knowbotic Interface Project" des INM folgt bei seinem Versuch, sprachfähige und intelligente Agenten zu entwickeln, einem Leitspruch des Computertheoretikers Alan Turing.Nur ein Computerprogramm, das spielen kann, hat demnach die Chance, Intelligenz zu erlernen.Der Projektleiter Gerd Döben-Henisch erläuterte das in einem Videovortrag, der per Internet übertragen wurde.In verruckelten Standbildern, die alle paar Sekunden aktualisiert wurden, nannte er philosophische Erkenntnisse als Voraussetzung für jeden Rekonstruktionsprozeß künstlicher Intelligenz.Neben philosophischem und informationstheoretischem Wissen stützt sich die interdisziplinär arbeitetende Forschergruppe vor allem auf die Autismusforschung.Dieser Bereich ist deshalb von großer Bedeutung, weil es bei der Entwicklung von intelligenten Agenten nicht nur um deren Lernfähigkeit geht, sondern auch darum, daß man sie versteht.Ein Agent, mit dem man nicht kommunizieren kann, das wäre heute wie ein Computer ohne Bildschirm und Tastatur.Damit es zu solch verständigungsunfähiger Intelligenz nicht kommt, müssen die "Digitalen Agenten" wohl noch eine Zeitlang in den Kindergarten gehen.Wie man sich diesen Computerkindergarten konkret vorzustellen hat, ging im digitalen Rauschen der Übertragungskanäle leider unter, aber die Vermutung liegt nahe, daß es die längste Vorschulzeit wird, die es jemals gab. Das INM war dieses Jahr auf der "transmediale" zum ersten Mal als Gastkurator für die Programmgestaltung im Bereich "Neue Medien" zuständig.

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